Alles halb so wild

Da versickert er, mal wieder einer, getunkt in Rum, Rotwein und Gin. Die Vorstellung, der Plan vom romantischen Ende dieses Abends. Einem Abend, der sich eben so nicht wiederholen lässt. Du hängst mitsamt den guten Vorhaben über der Toilette, und mit jedem Spülgang gehen die Hoffnungen auf einen besseren Ausgang mit hinunter in die Tristesse der Kanalisation.

So gut planen kannst du, an dieser Stelle, so schön diszipliniert bist du, an dortiger. Und jetzt würgst du, auf Knien, kannst nicht mal mehr reden, alles dreht sich. Nichts mehr mit weiteren Unterhaltungen, einer Nacht durch die Straßen, um morgens erschöpft, verwirrt aber glücklich zurück in dein Bett zu fallen, ein wenig Reue, aber genau so viel gesehen, wie eben da war.

Nichts. Elend, ein ganzer Haufen, nach nicht mal einem vollständigen Abend. Übernommen und jetzt übergeben. Jemand ist da für dich, du weißt nicht mal wer, irgendwer, kümmert sich um alles.

Reue ist eines der unnötigsten Gefühle, stellst du mit viel zu viel Übelkeit am folgenden Morgen fest, denn es bringt absolut gar nichts. Niente. Es ist wie es ist.

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Beides gleichzeitig geht nicht. Die viele traurige Musik wird dir darüber auch kaum hinweg helfen.

Da stehst du, in deinen Augen spiegelt sich der Sonnenaufgang, aus dem Erdgeschoss steigt der Geruch des bald fertig gebrauten Kaffees herauf. Nichts ist zu hören. Kein Hundegebell, kein Hahn, kein Auto. Würden Wolken laut sein, wäre zumindest ein wenig etwas zu hören. Könnten Farben singen: die Luft wäre voller Melodie, würde nach Frühling duften, ein wenig Schwere in sich tragen, aber nichts an Schönheit trotz ihrer Melancholie einbüßen.

Ein Teil wohnt hier. Hat es schon immer. Kein idealisiertes Ich, sagst du, nein, sondern einfach ein Teil, mit allem was dazu gehört. Spaziergänge mit den bekanntesten aller Gedankengänge. Dass man sich ausmalt, wie es wäre, wenn… jemand an deiner Seite wäre, jemand, der dich inspiriert, dich sieht und erkennt, nimmt wie du bist, und all das kannst du zurück geben. Der Morgen hat einen ganz speziellen Duft. Aufstehen macht keinen Spaß, aber diesen Duft bekommst du nur genau dann, bevor die Sonne aufgeht, wenn die Welt noch keusch und die Menschen verschlafen sind, immer mehr Lichter hinter den vielen kleinen Fenstern angehen.

Du bist ein Mensch der Wärme. Warmes Licht. Warme Mützen. Handschuhe. Warme Schuhe. Wärmflasche. Warmer Kaffee, Herz erwärmende Filme, tief gehende Musik. Du wärmst Seelen, alleine dadurch, dass du ehrlicherweise da bist. Einfach so. Anwesend, und zur Not auch nur zuhörst. Nichts sagst. Aber weißt, was man sagt.

Heute sagst du, es wäre einfach zu schön, könnte man beide Welten haben. Das konntest du noch nie, sagst du. Das bringt zwar auch die Schönheit einer jeden zur Geltung, muss man doch akzeptieren, dass es zwar immer beide gibt, parallel, aber nie gleichzeitig mit dir in ihnen.

Wenn du dort bist, bist du anders, sagst du. Ohne, dass du jemals darum gebeten hättest, oder aktiv etwas daran ändern könntest. Du kommst an und es passiert. Wie eine sanfte Decke, die sich um dich schmiegen würde und die sich erst wieder abstreift, wenn du gehst. Auf dem Weg zum anderen löst sie sich immer mehr und an ihre Stelle tritt ein Panzer. Keiner zum Kämpfen, auch keiner Festung gleich, aber dennoch beachtlich anders. Kräftig, gewappnet, mit Dellen und Roststellen, aber ein Panzer, eine Rüstung.
Klar, meinst du, dass geht wohl allen so, das ist die Zeit, die das möchte, dass es so ist: an möglichst vielen Orten gleichzeitig und dann erleben, aufsaugen, anpassen. Nur vergesst mir die Übergänge nicht, sagst du dann.

Von einem weg, hin zum anderen, das dauert immer. Und niemals zuvor war Zeit so unsexy wie heute. Früchte müssen reif sein, die Zeit muss immer reif sein, bevor man einen Job anfängt muss man alle Qualifikationen schon fertig mitbringen, ohne zu wissen, ob man zu den Kollegen passt- und sie zu einem.

Alles auch nicht besonders schlimm, sagst du, an dem Fenster mit dem Panorama, in dem sich minütlich die Farben ihre eigenen Übergänge in die Hände geben. Aber das viele Kommen und Gehen lehrt dich immer mehr, dass es ohne das Eine das Andere nicht gibt, aber auch das Eine niemals zusammen mit dem Anderen.
Physikalisch die dümmste und simpelste Erkenntnis des Lebens, sagst du, deshalb sollte man nicht darüber sprechen, laut. Aber es zerreißt dich, an manchen Tagen mehr, an anderen eben sehr viel weniger.

Ein Zwerg im Tannenkostüm

Jeder ist sich bitte selbst der Nächste. Dann gehen sie vor die Tür, sich selbst fürchterlich nahe und treten sich dann gegenseitig auf die Füße und Schlipse.

Ganz gleich ob Ochse oder Kuh, Scheuklappen sind mehr In denn jeh. Die Augen fokussiert auf das, was nicht um sie herum passiert verlieren sie sich gänzlich in dem Wettrennen gegen sich selbst und gegen die Zeit. Und die muss viel mehr können, als nur relativ sein. Schreien soll sie, moderner als jemals zuvor sein, das Burnout auf den Yogakurs verschieben, die richtigen Hassen und gewusst wie.

Das ist die Zeit die niemals bereiter war und dennoch nichts hat, wofür es sich bereit zu sein hat.

Dann wieder in den Einkaufsparadiesen, drei Stunden guckenkaufen, aber an der Kasse in Hektik verfallen, los, auf, husch husch, die Waren, Güter und Dienstleistungen kennen nur ein verkauft-werden, ab dem verkauft-sein sind sie nutzlos und werfen keinen Profit mehr ab. Also packet ein ihr kleinen Esel, am Ende der Seidenstraße des Kassenbandes, hurtig, bevor die Waren des folgenden Kunden auf die euren geschleudert werden, gefolgt von strengen, vorwurfsvollen Blicken, aber keiner Geduld. Schnelligkeit ist die neue Krankheit, und irgendwie müssen wir doch schimpfen und auf unser Recht bestehen, und sei es nur in einem betrunkenen, übernächtigten Faustkampf, denn Kriege sind so weit weg, so lange her, in ARD, ZDF, SF1 und ORF, dass man sich die Rangeleien gönnen muss, die übrig bleiben. Ohne Gewinner, ohne Verlierer. Jeder kommt fortan irgendwie durch, kostet ja nur Leben, und was heulst du eigentlich so rum? Haben doch alle die gleichen Chancen, sprach der Porschefahrer zum Bistrobesitzer.

Der Scheich im Nachthemd

Es pulsiert in deinem Gesicht, auf deinen sanft eingefallenen Backen, deinen nachgezogenen Augenbrauen, den hochgebogenen Wimpern und deinen schön drapierten Haaren; es pulsiert. Deine Finger machen nichts, nur dein Daumen ist beschäftigt. Und deine Augen werden nicht müde.
Deine Körperhaltung ist seit zehn Minuten unverändert. Ich habe mal in einem Artikel über Probleme beim Einschlafen gelesen, dass die Wahrscheinlichkeit enorm steigt einzuschlafen, wenn man sich mehr als zehn Minuten nicht bewegt. Inzwischen sind es bei dir dreizehn, deine Augen und dein Daumen, die rasen. Könnten sie schwitzen, würden sie es machen.

Du warst Joggen heute, durch den Park, am Fluss entlang, in der Morgensonne, mit Stöpseln im Ohr. Bist gerannt, hast danach geduscht, was auch sonst, und sitzt seither da. Inzwischen siebzehn Minuten. Blinzelst, Daumen, Daumen, Blinzeln.
Nicht mal dein Kopf hat sich bewegt. Es ist ein Phänomen.

Ein Freund meinte jüngst, vieles habe sich verlagert und sein Hirn sei zu langsam, schnellen Verlagerungen aktiv und durchdringend, nachvollziehbar zu folgen. Wie im Krieg, meinte er, keiner könne alles Zerstörte derart schnell verstehen, das brauche Jahrzehnte. Und selbst dann ist wieder neues Erbaut und mit Sicherheit das Ein oder Andere bereits wieder zerstört worden, sei es aufgrund maroder Bausubstanz oder übersehener Restbomben.

Jedenfalls dauert alles wirklich lange. Sehen, eventuell verstehen, verdauen, akzeptieren, ins Weltbild integrieren. Und BÄM. Schon wieder.
Nur ist es hier kein Krieg. Kein BÄM. Eher ein…summmm. Ein unfassbar, eigentlich nicht hörbares Summ.

Weder ist die Geschichte neu, noch unbeschrieben. Keine schleichende Veränderung, aber auch keine ur-plötzliche. Weder saudumm noch überflüssig. Weder zu wenig hinterfragt noch zu selten beschrieben. Trotzdem etwas seltsam verwirrend.

Du sitzt da, so ein hübsches Gesicht, zweiundzwanzig Minuten, dein Gesicht ist hauptsächlich blaugrau. Daumen. Blinzeln. Daumen. Warum zu Hölle sind wir beieinandner?

Das Hirn zu dröge um ein absolut bescheuertes Bild irgendwo hoch zu laden, ein nichts-sagendes Video einer quasi-Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen um dann zu sehen: es wird angeguckt. Werbung. Ah, es wird angeguckt. Werbung.

Der Verstand zu langsam, um den vielen bunten Bildern, draußen, drinnen und jetzt noch zwei werbende Computer mehr, zu folgen, auszusortieren, wichtig-unwichtig-quasiwichtig-keinPlan-lassmichinruhe-ScheißeSoSchlechtIstDasAngebotJaGarNicht… besser war es nie zuvor, nicht das Angebot, sondern das Leben. Und das ist einfach so.

Aber du bist so weit weg. Du bist millarden Lichtjahre entfernt. Und obwohl ich mir alle Mühe gebe, das zu begreifen, was auf dem kleinen Computer mit Kamerafunktion in deiner Hand so viel andersbesser zu sein scheint, als die inzwischen kalt gewordene Tasse Tee um die du batest, erschließt sich mir nicht.
Ich verstehe es einfach nicht.

Ich verstehe so vieles nicht, aber gelegentlich, oder immer öfter, tritt Müdigkeit an die Stelle von Neugier und Interesse.
Eine kleine Welt, die scheinbar mehr zu BladeRunner und Das fünfte Element verkommt. Das waren tolle Filme und die Welten waren enorm.

Aber wenn ich es mir aussuchen kann möchte ich weiterhin so langsam bleiben. Nicht abgeschnitten, nicht getrennt, nicht separiert. Nur langsamer. One thing at a time.

Nach genau dreißig Minuten unbeweglichem Körper, Daumen, Blinzeln, stehe ich auf und gehe. Dann haben wir Streit.

Tout ira bien

Es nagt an dir. Ach scheiße, lass es nagen diese Plage denkst du dir. Denn das Gefühl ist  weder neu, noch besonders überraschend, dass es jetzt da ist.
Dein Knöchel schmerzt auf dem dummen aber schönen, irgendwie egal wo es liegt immer gleich aussehenden Parkettboden. Wenn man so sitzt ist das sicher nicht sonderlich gut für die verdammte Wirbelsäule. Heute ist alles untauglich, egal wo, egal was. Es passt einfach nicht. Ein guter, warmer Kaffee? Ja, er ist gut, und mit Sicherheit warm, aber an solchen Tagen eben „nur“: gut und warm. Was das soll, willst du gerne mal wissen. Sich fremd per-se fühlen.
Einfach so, ist dann einfach da. Und nicht sonderlich wohl, obwohl, OBWOHL doch eigentlich alles passt. Passt. Beschissen passt. Ja, und verwirrt. Und verwirrend viel spannend ist, und du bist so oft so tapfer, so mutig, immer wieder for gods sake. Gehst da raus, IMMER WIEDER, und glaubst. Wer glaubt denn noch flitzt dir zynisch dämlich durch die Birne auf dem Weg zum nächsten Coffeeshop.

Deine Füße sind schon wieder kalt. Ja, Pessimismus hilft auch keiner Raupe weiter zum Schmetterling zu werden… Schnike Winterschuhe, Parkettfarben, immergleich, sollten es sein. Sind sie jetzt. Trotzdem sind deine Zehen unzufrieden, dein Herz pocht irgendwo hin, wartet darauf nicht mehr warten zu müssen.

Ein Zauber, der so schnell verflogen ist wie du an einen anderen Ort kommst. Der ist nicht schlechter, aber so ein ganz anderer Zauber. Andere Farbe, fühlt sich anders an, etwas kratzig.
Davor war Mut. Davor war ein wenig Wagniss. Feuchte Hände, Ungewissheit, Gedankenmühle, Gurgeln im Magen.
Danach war es warm, verschlafen, Augenringe, ruhig und unbesorgt.

Zurück ist die Sache mit der kleinen Tapferkeit, dem immer-mal-wieder Mut in dir eben so, dass es von außen so gar nicht sichtbar ist. Und du denkst: das muss man doch sehen! Und wirst selbst dabei so vollkommen blind für die kleinen Tapferkeiten der anderen. Und verstehst dabei ein wenig mehr: deshalb wird es wohl sein. Jeder reist dann seine eigene Reise. Und kann davon erzählen: dabei waren weder die anderen, noch du mit ihnen wo anders.

Es war: verwirrend. Neu. Überwältigend. Ein wenig verängstigend. Großartig. Ein bisschen WonderwomanSuperman. Viel ganz normal, aber das genau passend. Und jetzt kommst du zurück. Hierher. Willkommen. So kann es also auch sein.

Ein Lama macht noch lang keine Wüste

Stell dir vor, du könntest es festhalten. Und kurz noch mal heraus holen, es drücken, dir genau anschauen, hinsehen. Dich in dem Trouble entspannen, eine Vogelperspektive auf Knopfdruck.
Stell dir vor, das Chaos in deinem Bauch könnte einfach so zu schweigen gebracht werden. Genau wie die vielen Zweifel.
Wie du jetzt da sitzt, umhüllt von einer Decke aus Zufriedenheit und warmen Farben. Hier zu sein, nichts gesucht zu haben. Ein wenig Angst war auch dabei. Und Sorgen. Was wäre wenn. Haben sich überschlagen, noch bevor irgend etwas geschehen war. In deinem Bett, in der Stille, haben deine Gedanken getanzt und gelacht, geschiehen und gewarnt. Szenarien wie in einem Theater: überleg doch!

Und dann kommt alles ganz unaufgeregt. Federleicht. Du akzeptierst, einfach so. Die kritischen Stimmen verstehen die Sprache hier nicht. Sind verwirrt und fühlen sich vernachlässigt.

Stell dir vor, das könntest du, zurück im Hier und Jetzt, wieder auspacken. Und ein Stückchen davon absorbieren. Wenn dir wieder der Schweiß rinnt, das T-Shirt klebt, du glaubst zu wissen was andere von dir erwarten und händeringend mit Kloß im Hals genau das erfüllen möchtest.
Es auspacken und da haben.
Wie jetzt und hier. Wissen, dass vieles eben so ist. Und so vieles so viel anders. Und du nicht alles glauben darfst, was du denkst.

Stell dir vor wie es wäre, würde es auf dich aufpassen. Nicht zu viel, nur dann und wann ein kleines Bisschen, kurz bevor eine der vielen Denken über dir wieder Risse bekommt, zu bröseln beginnt und einzustürzen drohnt.
Es nähme dir ein wenig die Angst und stähle dir die Fähigkeit zu Grübeln. Dann wärst du einfach nur da, in so einem Chaos Moment- und würdest wie bei der Manege zuschauen. Wissend, dass wir alle nur Menschen sind, die es mal besser und tapferer, mal weniger gut hinbekommen.

Akustisches Etwas

Gemocht. Daher geteilt.