Wie korrekt ist eigentlich korrekt? Und wer hat sich die Etikette ausgedacht?
Wenn das selbstausgesuchte freie Leben, so frei es eben sein kann, wenn man nicht über alle Mittel der Welt verfügt, plötzlich wie eingeschränkt zwischen elektrisiertem Stacheldratzaun, bewacht von Bluthunden und beäugt von Wächtern mit scharf schießenden Gewehren auf den Hochtürmen, wundert man sich in stillen Minuten über sich selbst und fragt sich, über wie viele Persönlichkeiten man selbst verfügt. Da ist diese kleine, schüchterne, die sich alles vorschreiben lässt, ist sie es doch gewohnt. Wie der Pawlowsche Effekt müssen nur die ehemaligen Drahtzieher auftauchen, die Personen mit dem Schlüssel zu einer von einem selbst so gut wie es geht im dunklen gehaltenen Seite, einer verschüchterten, jungen, naiven, dummen, zitternden Seite. Eine Seite, der man erst Emanzipation beibringen muss. Beibringen muss, dass Fehlschläge und kleine Versager nicht nur okay sind, sondern unterm Strich dafür sorgen, dass man zu leben lernt. Das lernt man nicht aus Schulbüchern oder einer guten Abschlussnote, sondern nur aus Versagen und einem Gewinn, der einem selbst zuzuschreiben ist.
Doch all das, wie weggeblasen. Nie dagewesen. Kaum öffnet sich eine Tür, eine Tür, die wie jede andere ist, nur empfängt einen ein Gesicht der Vergangenheit. Ehemals beschützt und zugleich verängstigt. Und wozu? „Erwachsenwerden hört nie auf, vor allem, weil man sich immer Jugend erhalten sollte.“ Ein einfacher Tipp sieht und hört sich anders an. Alte Geschichten werden aufgewühlt, die diese kleine, so gut verbuddelte Persönlichkeit in sich aufdeckt und schamlos, nackt und hilflos, bedeckt von vielen Blicken zitternd und frierend und vor allem eines: alleine gelassen. Wie dumm man doch mal war. Die angetrunkenen, erheiterten Stimmen lachen tief und schräg, als wären sie unfehlbar. Was sollen diese fiese Erniedrigungen. Und wo ist denn der Lichtblick, der Ritter in der leuchtenden, silbernen Rüstung, der die Lacher hinwegfegt, ihnen einen Spiegel vorhält und souverän und gelassen die kleine Persönlichkeit in den Arm nimmt, ihr behutsam über den Schopf streichelt, sich neben sie setzt und bei einem Tee nur eines tut: zuhört. Dem Schluchzen. Und nicht urteilt.
Niemand ist immer stark. Und vor allem eines: niemand war es von Beginn an. Die Stärksten waren meist die Schwächsten und machen sich nicht über andere lustig oder missbrauchen die Ängste derer, die sie kennen und schätzen, um sich selbst als besser darzustellen. Denn ein -besser- existiert genau so wenig wie ein -schlechter-. Doch halt, sind die oben genannten, anscheinend gefühllosen Menschen nicht die Bösen? Nein, würde ich behaupten, auch wenn man ihnen die Hose vor aller Welt runter zieht, können sie verängstigend lieb zu dem Ritter werden, auch wenn dieser mit leichter Verspätung aufkreuzt.

„Deine kindischen Anekdoten nerven mich, verdammt.“ sagt sie. „Na dann steck dir halt die Köpfhörer rein“ sagt die kleine Stimme. „Du kannst auch einfach mal normal mit mir reden, aber ich bin keine Psychologin“. Gereiztheit. Überforderung. „Wieso denn Psychologin? Bist du bescheuert? Von was redest du?“ „Na dein dummes Gelaber geht mir auf den Geist. Probleme hier, Probleme da, irgendjemand nackt… bist du irgendwie Klapsenreif?“ „WENN DAS NICHT GLEICH AUFHÖRT HIER AM TISCH, DANN WARS DAS MIT DEM ESSEN. VERDAMMT. IHR UND EURE DAUERNDEN STREITEREIEN. BENEHMT EUCH WIE EINE NORMALE FAMILIE!“

Eine normale Familie.

Auf Schwächen anderer zu bauen ist so schlau, als würde man sein Haus auf Sand errichten. Denn wir lernen dazu. Wir lernen aufzustehen. Wir lernen zu leben. Und das wichtigste: wir lernen zu scheitern.

Teach your children well, aber erschreckt sie nicht zu tode. Sie sind keine Hunde. Sie müssen lernen zu fliegen. Denn als Schneckentier kommen sie in dieser Welt nicht weit. Und für eure Versager können sie nichts.

Anfangs lieben Kinder ihre Eltern; wenn sie älter werden, halten sie Gericht über sie; manchmal verzeihen sie ihnen.“ Oscar Wilde

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