Der Tag ist zu Ende, der Morgen ist da, der Schlaf ist vergessen wird dringend gebraucht, es ist kalt hier, obwohl der Spätsommer mit seiner Rückflanke nicht schlecht getroffen hat. Der graue Himmel sollte besser nicht als eine Laune Einzug in das Hier halten, die Tür ist aber längst geöffnet und wo bis eben Schall um den Kopf gelegt war, Bässe durch das Trommelfell drangen und Endorphine blau durch den Kopf schossen legt sich nun das Grau das die Augen nicht sehen wollen. Bunt ist das bessere Hier. Bis eben der King, jetzt durstig, die Muskeln zittern, die Einladung wurde nicht ausgeschlagen, das Oberhemd ist kaputt. Wo rasende Lust den Platz eingenommen hat, nimmt nun fader Mundgeruch mit verschwommener Zukunftsperspektive die Weite bis zu nächsten Häuserwand ein. You’re dead if you don’t scream behauptet wie besessen eine grün-blau-silberne Wand, Joint, Jim Bean und ein Porno.

Die vollgeschissene Haltestelle riecht nach Urin und erinnert mich daran, dass man ohne Geld einfach nur noch scheiße ist. Neben mir macht sich Ben, Pete, Tim oder Jürgen an seiner Gehhilfe zu schaffen. Er will sich bewegen, nicht wie wir, durch das geile angeritzte Leben -Koks rein, geht sofort ins Blut- nein, in die Bahn, zwei Haltestationen. Gelb-blond gefärbtes Haar, höchstens fünfunddreißigdreiviertel wenns hochkommt sechsunddreißig, eingefallene Backen, wo er früher aufgerissen hat blinzelt ihm jetzt nur Verachtung entgegen, wo früher Geldscheine den Weg frei machten, macht er heute für eine frische Ladung Methadon seine linke Armbeuge frei. Nicht mal sechzig Tage hat es gedauert, für immer weggeblasen. Scheiße gebaut, eben nicht aufgepasst, musste ihn ja reinstecken, jetzt darf er Scheiße fressen- in seinem Gehwagen vorne kann er lecker Einkäufe einräumen, das ist gut, viel Platz. Er versteht auch nicht, wieso die Supermärkte soviel nur leicht angebeultes Obst wegwerfen. Er kennt einen Stichweg hinten zum Müll vom Penny. Er wollte immer Zugführer werden. So mit IC, ICE gabs da noch nicht. Tot. Einfach im Sumpf verreckt, all das Schöne in der Drecksscheiße versoffen.

Die Bahn kommt.
„Alter, hast du n bisschen Geld?“
„Willste was essen?“
„Hast du Geld alter, wär echt besser.“
„Ich kann dir was zu rauchen geben.“
„Wär korrekt“

Zwei Gramm leichter fahre ich nach Hause. Es ist kalt. Das offene Hemd ist scheiße. Mein Kopf ist federleicht, mein Hals aufgeblasen, meine Schultern kleben an den Bahngleisen und schrammen an den versauten Häuserfassaden blutig bis zur nächsten Haltestation. Darunter existiert kein Körper nur, lediglich alles voller Kohlensäure. Ein Kind, vielleicht fünf, blinzelt mich an, einen schönen rosa Schal um den Hals gewickelt, Mutti gut geschminkt, brav zurechtgerichtet, Parfum umgibt sie. Sie gucken mich an wie einen Penner. Ich gucke aus dem Fenster.

Das ist das wilde Leben, die leuchtende Zukunft, sogar die Lichter im Kopf kosten Geld und Strom. Bücher erinnern uns an die Zeiten, in denen wir noch fliegen konnten. Jetzt versuchen wir uns die Schürfwunden nicht aufzukratzen, nicht noch mehr Blut.

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