Was sollte er auch sagen?

Hier stand er, gerade mal 43 Jahre, gefühlte Anfang Zwanzig, zumindest im Herzen. Er und sein Lehrerjob waren schön gewesen. Doch. Es gab jede Menge Lehrerinnen, die sich nur zu gern auf eine Affaire einließen. Zwei Stunden länger, welche Geliebte, welcher Ehemann ahnen schon, dass da was im Busch ist. Naja. Er mochte Van Morrisson. Mochte, wie seine angerauhte Stimme sich durch sein Gehör ihren Weg in dein zermartertes Hirn bahnten. Mochte es, denn er klang nach Zigaretten. Und einem amerikanischen Rum. Die Jahre sah er sich an. Er war dünn, trainierte ein paar mal in der Woche in einem dieser exklusiven Fitness-studios mit Flachbildfernsehr, um dabei auf die Hauteng bekleideten Frauen und ihre Knackärsche gucken zu können. Dann konnte er rennen. Dann ging die Fantasie mit ihm durch. Besser als pures Adrenalin. Er war etwas pervers, aber das störte ihn nie weiter.

„Eine Frau?“ sprudelte es immer untermalt von lachenden Tönen aus ihm heraus, wenn man ihn bezüglich seiner Zukunft ein paar Fragen stellte. „Niemals, verdammt. Eine Frau ist doch langweilig.“ Hollywood hatte fest Fuß gefasst bei ihm. Er hatte sich schön eingerichtet, so alleine im Leben. Wusste wo was zu sein hat. Die paar Frauen im Lehrerzimmer, egal, wenn er keine Lust mehr hatte, waren die Geschichten erledigt. Einfacher gings doch nicht.

Als ihn der Krebs dann packte, wusste er kaum mehr, was er machen sollte. Er kündigte, vögelte sich durch alle Bordelle der Stadt- nicht das er das nötig gehabt hätte. Er war der Klassiker, der Frauen, vor allem in ihren mid-zwanzigern, wie Sand am Strand haben konnte. Charme, nicht zu dumm, eigentlich gut Geld und alleinstehend. Immer gut gewaschen und kulturell interessiert.

Als er sein Geld aus dem Fenster gespritzt hatte, seine Wohnung verkaufen musste und an seinem Abschiedsbrief saß, wurde er… melancholisch. Dieses Gefühl war denkbar neu für ihn. Der kleinen Frohnatur. Denn er hatte keinen Adressaten. Er fragte sich, was erbärmlicher war: vom Krebs zerfressen zu werden und zu feige zu sein, sich dem Kampf zu stellen, oder außer einem Haufen Fickereien niemanden im Leben zu haben, außer ihm und… diesen Brief.

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