„Nein“
„Doch, verdammt, zweifünfzig, mehr gibts nicht.“
„Drei werden wohl noch drin sein, verdammt. Ihr Schweine verdient so dermaßen viel an diesem Schlamassel. Da werden ein paar Cents wohl noch drin sein, oder was?“
„Wenn du frecher, vorlauter Wichser nicht gleich dein scheiß Maul hälst, bekommst du keinen Cent und ein anderer den Job. Also halts Maul und mach, oder verpiss dich.“

John. John war schwul und hatte nun einen tollen neuen Job. Irgendwie lief gerade alles nur denkbare schief bei Johnny. Er hatte seinen Partner verlassen. Es war seine bisher längste Beziehung gewesen. Abegesehen davon, dass er nie hätte einen solchen Job annehmen müssen war da eben noch ein anderer Mensch gewesen. Johnnys Freund war kein Prachtexemplar gewesen, aber er setzte sich beim Pinkeln hin und fickte gerne. Das kam so oft nicht vor. Die meisten von Johnnys Freunden mochten es sonst eher oral oder mit der Hand, ließen sich aber nicht ficken. Sondern wollten selbst ran. Das passte Johnny nicht, ließ er sich nur ungern ficken. Mit der Zeit hatte Johnny gelernt „nein“ zu sagen, denn niemand, dass wusste Johnny heute, muss sich ficken lassen, wenn er nicht möchte.

Geplatzt war die Beziehung. Wie eine Glasschüssel auf einer heißen Herdplatte. PENG. Und vorbei. Was geblieben war, war das finanzielle Loch in Johnnys Hosentaschen. Irgendwie zu wenig Gin für all den Scheiß. Und jede Menge Gejammer. Dabei konnte Johnny es nicht mal leiden, wenn Menschen immerzu jammern. Also war, in diesem Falle des neuen Jobs, Fressehalten angesagt.

Johnny verpackte beschissene Hühner. An einem gottverlassenen Ort, der nach Axelschweiß, Essig und Erborchenem roch. Und es war kalt. Schweine kalt. Johnny war keine Warmnatur. Also holte er sich seine ersten Tage, bei 2,50 Stundenlohn, seine Jacken von Zuhause mit. Damit er nicht so zitterte. Aber die rochen danach wie ausgekotzt. Oder angekotzt. Und eine Reinigung konnte Johnny sich weiß Gott nicht leisten.

„Gibts hier auch Jacken?“ fragte Johnny am vierten Tag seinen Chef. In dem Büro vom Chef. Da war es schön warm und es roch nicht nach Essig und Schweiß. „Jacken? Was passt ihnen nicht? Ich hab gehört sie haben schon mal Schwierigkeiten gemacht.“ Johnny wollte nicht noch mehr Unfug treiben, aber er fror und konnte sich keine Reinigung leisten. Alle seine Kollegen hatten bereits Jacken an, also musste es doch welche geben. Denk nach Johnny! dachte Johnny. „Mir ist scheiße kalt, so kann keine Sau arbeiten.“ Der Chef stand auf und deutete Johnny an zu folgen. In einem Nebenraum hingen blutverschmierte Jacken. Dicke, blutverschmierte Jacken. Wieso stellen die weiße Jacken für einen Schlachthof her? überlegte Johnny. Dann ging er ohne weiteres Zögern auf die Jacken zu und griff sich eine in seiner Größe. „Die Zeit wird von ihrer Pause abgezogen.“ meinte Johnnys Chef, als Johnny mit der Jacke zurück ans Band lief. „Sie sind ein Schwein.“ meinte Johnny. „Seinen sie vorsichtig, was sie sagen man!“ der Chef zündete sich eine Zigarette an.

Hünchen. Packen. In den Arsch fassen, über die Metalldüse stülben, die Öffnung des Halses nach unten halten. Dann den Knopf drücken, der quietschte. Er war angerostet. Der Strahl kalten Wassers wusch Blut, den Rest Innereien und Scheiße aus dem kalten, toten Körper raus. Wieder aufs Band legen. Nächstes Hünchen. Zehn Stunden.

Am Freitag wurde Johnny schwindlig. Er hatte seit drei Tagen nur noch Gin und Kaffee zu sich genommen. Und er war erkältet, also musste er einen Mundschutz tragen. Wegen der Hygiene hatte der Chef gesagt.
Johnny ging raus, setzte sich auf eine gelb-besche Bank vor dem Lieferanteneingang und zündete sich eine Zigarette an. Es gab normalerweise keine Pause für Anfänger. Das war Johnny egal, er wäre zusammen gebrochen an diesem Scheißband. Er hatte die Hälfte aufgeraucht, da packten ihn vier Hände. Zwei am linken Oberarm, zwei am rechten. Johnny wusste nicht was er machen sollte. Er erschreckte sich so dermaßen, dass er seinen verfluchten Zigaretten-stummel verschluckte und sich seinen verdammten Gaumen und die Zunge verbrannte. Er glaubte kurzzeitig zu ersticken. Die Hände zogen ihn rückwärts von der Bank. Die Griffe waren dermaßen kräftig, dass Johnny sich nicht mehr wehren konnte. Ehe er sich versah, wurde er rücklings eine Treppe herunter gezogen. Er zappelte so stark es ging mit seinen Beinen, trat um sich, schrie. „Ihr verfluchten Schweinehunde! Was wollt ihr von mir. Verfluchte Scheiße, lasst mich los!“ aber die Hände zogen ihn weiter. Plötzlich wurde es dunkel, irgendjemand hatte ihm ein Tuch um die Augen gebunden.

Johnny schrie, sein verfluchte Mund brannte, alles schmeckte nach Asche. Wo auch immer er war, es war warm und roch metallisch. Er hörte Stimmen lachen und seinen Chef sagen: rein mit ihm!

Viele Hände packten ihn überall am Körper. Johnny zappelte und tritt. Jemand schlug ihm aufs Genick. Und wieder. Johnny verlor fast sein Bewusstsein, aber nur fast. Dann wurde es warm. Zu warm. Johnny japste. Blut. Er schmeckte Blut. Wollte schreien. Aber er konnte nicht. Er war in einem Becken voll Blut. Schluckte es. Johnny dachte zu ersticken, verlor das Bewusstsein.

Dann wurde es kalt. Sehr kalt. Johnny spürte einen pochenden Schmerz in seinen Schläfen. Sein Mund schmeckte nach Blut, Aschenbecher und Essig. Verdammten Essig. Er sah nichts. Johnny tastete in Richtung Augen. Eine Binde war um seine Augen. Er zog sie ab. Verdammte Schweine! dachte Johnny. Er musste die Augen zusammenkneifen. Die Helligkeit zerschnitt seine Augen wie ein Skapell. Langsam passte sie sich der Helligkeit an. Johnny lag auf dem Boden. Schotterboden. Er rappelte sich auf. Hinter ihm war ein Gitter. Er lag vor der Fabrik. Niemand war da. Er blickte an sich herab: alles voller Blut. Die Wichser hatten ihn in die Abfälle der Hühner getaucht. Er konnte sich schwach daran erinnern. Er hatte nichts gesehen.

Jetzt lag er hier. Im Matsch. Und wusste ums verrecken nicht, wie er nach Hause kommen sollte. Drei Kilometer laufen. Durch das Dorf. Scheiße. Blutüberströmt. Und er fror. Ihr verdammten Schweine. Ihr verdammten Schweine. An was anderes konnte Johnny nicht denken.

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