Irgendjemand hat hier getobt. Sauber. Alles ist futsch.
Als wir vor zwanzig Jahren noch hier waren, oder sollte ich sagen, schon mal hier waren, da hat alles geleuchtet und geglänzt. Nach frisch gebohnerten Holz hatte es gerochen, kann ich mich erinnern, als wär’s gestern. Und Farben. Überall schöne Farben. Jetzt nicht bunt oder so. Sondern richtig schön ausgewogen, so wie es eben ist, wenn jemand etwas von Kombination aus Farben versteht. Wie ein hübscher Blumenstrauß, eben nicht übertrieben, aber schon mit einer Menge Arbeit verbunden. Da freut man sich wirklich doppelt. Erstens: man kann es sehen. Und zweitens: man ist dabei. Wirklich schade, denn eigentlich unmöglich, jemandem so was zu beschreiben. Ernsthaft, das geht meistens nach hinten los. “Stell dir vor, es war echt.. gelungen. Ich will nicht sagen schön, denn es war ja keine Frau oder ein leckerer Kerl, sondern einfach nur, naja, ein Raum.”

Sei es drum. Jetzt waren die Farben der Zeit gewichen. Und nicht waren. Sondern sind. Es sieht nicht so aus, als wolle hier jemand irgendwann irgendwas pflegen. Denn selbst, wenn hier mal jemand aufräumen würde, oder wischen, Staub weg und Pflege der Nostalgie betreiben, dann wär’s schon ein ziemlich gelungenes Stück schöner. Dann wüsste man zumindest was für einen Eindruck all das hinterlassen hat, oder noch hinterlassen kann, wenn es leuchtet.

Du fasst mich an meiner Hand. Ich kenne den Griff und muss lächeln. Zart und bestimmend greift deine Hand zu, nachdem sie vorsichtig und auf Ablehnung wartend erst nach der richtigen Position gesucht hat… die Hand muss in der Hand liegen, sagst du immer. Dann ziehst du, wir laufen die Treppen runter, der samtige Teppich unter uns, seine besten Jahre schon vorbei, aber die Ahnung und die Erinnerung lassen ihn für das kurze Stück wieder zu dem werden, was er mal war: majestätisch. Ein dunkelroter Teppich, der alles hier drin bedeckt. Er hat seine Farbe verloren- wie alles hier- aber auch verblasst und ins grau wandernd ist er noch genau so beeindruckend resistent  wie damals, in unserer Erinnerung.

Wir rennen hinunter, du lässt meine Hand los und Springst in einem Satz auf die Bühne. Der Holzboden begrüßt dich knarrend, als ob sich ein sehr alter Freund freut, endlich mal wieder ehrlichen Besuch zu bekommen. Du beginnst zu tanzen, dich zu drehen wie eine Ballerina, der Boden unter dir begleitet jeden deiner Schritte mit einem quietschen und knarren. Deine enge Jeans wird zu einem Tutu, dein T-shirt passt sich jeder deiner Bewegungen an, die Silhouette deiner Brüste zeichnen sich sanft hindurch, und du tänzelst. Dabei singst du furchtbar schief und unerkennbar vor dich hin, aber der Raum füllt sich mit einem Seufzen, als ob er froh wäre, dass endlich mal wieder jemand kommt, der ihn gern hat, der ihn so sieht, so sehen kann, wie er einst war. Mit all dem Stolz, der Schönheit, dem Mut und dem Lachen. Jetzt bist du die einzige die Lacht, ich stehe unten und muss schmunzeln.

Als ich weiter durch die Stuhlreihen gehe, über zerbrochene Sitze steige, Mäuse in die Flucht schlage, und noch immer dein Gesang höre wird mir warm ums Herz. Das ist schön. Hier. Ich setze mich auf einen unramponierten, blass weinroten Sessel, versinke in Ihm und schaue dir zu. Du wunderschöne. Dein Pferdeschwanz jagt deinen Bewegungen hinterher, das matte Vollmondlicht bricht sich beinahe kitschig, wie ein gewollter Scheinwerfer durch die Fenster an der Decke. Ein wunderschön skurriles Schauspiel erlebe ich mit.

Dann stockst du, mitten im Tanz. Läufst, langsam und stampfenden Schrittes, in Richtung des einfallenden Mondlichts. Dort hältst du inne. Dein Gesicht wendet sich dem Fenster zu. “Oh ihr Geister”.. sagst du laut, aber flüsternd “wo seit ihr hin? Warum seit ihr fort? Seht ihr nicht mein schweres Herz in stürmischen Zeiten?” Du entfernst dich, langsamen Schrittes in Richtung der Mitte der Bühne, dort, wo ein weiterer Fleck beleuchtet wird. Du reckst dein Gesicht jetzt in Richtung des Publikums, für mich ist es, als sei der gebannte Saal plötzlich voll, als würden die Farben leuchten und der Raum schmunzeln, gebannt von deiner Darbietung, was auch immer das sein mochte, aber es war etwas… gruselig: “Oh ihr GEISTER” du wurdest LAUT, “wir hatten einen Pakt. Ich brach ihn nicht. Und ihr seit hinfort. Vergessen und zurückgelassen die Schönheit und den Mut, ihr seit FEIGE.” Du drehst dich mit dem Rücken zum Publikum. “IHR HABT MICH VERRATEN.”… du läufst nach hinten. Hältst inne, drehst dich um, nur noch dein Gesicht ist jetzt beleuchtet. “kommt wieder. Hier wartet ein verlorenes Leben darauf, mit Würde behandelt und nicht mit den Füßen getreten zu werden.”

 

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