Und er heulte. Wie ein kleines Kind. Dabei war er doch erst 40 Jahre alt. Hatte wohl nichts gelernt im Leben, das Rückgrad bei jedem Klogang ein wenig mehr ausgeschissen. So saß er da, im Dunkeln, mit nichts außer seinem Parker an und die Tränen wurden, wie sein jämmerliches Geheule, vom Regen über sein schmutziges Gesicht direkt in die Kloake gespült. Henry, die arme Sau.
Früher hat Henry die ganze Scheißarbeit verrichtet. Heute verrichtet er nur noch sein Geschäft, viel mehr bringt er nicht fertig. Sein kaputter Schließmuskel und die aufgeblasenen Hämorriden geben auch nicht viel mehr her. „Der Arzt meinte, ich soll das mit dem vielen Stehen und dem schweren Tragen lassen. Also lass ich’s. Besser wirds zwar nicht, aber halt nicht schlimmer.“ Gesagt, auf den nächsten Schluck angesetzt.

Auf Mitleid scheißt Henry, er hat auch keins übrig, meint er. „Junge, wirklich. Mitleid braucht kein Schwein. Deins nich und meins nich.“ „Du bist irgendwie mies drauf Henry.“ „Nein, halts Maul. Nich mies drauf. Irgendwann is halt auch das Mitleid alle.“ „Henry du redest Unsinn. Du sitzt einfach zu tief in der Scheiße um Mitleid abgeben zu können. Alles Mitleid fällt nur noch auf dich runter.“ „Jetzt lass die Buchsen mal an Junge, oder du fängst dir was. Und verpiss dich mit deinem Mitleid. Ich hab alles was ich brauch.“

Die zwei Schaumplätzchen, voll Blasen und nicht zu übersehen, die sich langsam aber hartnäckig an seinen Mundwinkeln gebildet haben, strahlen mich an.
Henry der Stahlarbeiter. Hat Schichten geschoben, geackert wie ein Tier. Ein Kreuz wie ein Wasserbüffel. Und Arme die fünf Frauen tragen. Der gefallene Koloss trägt heute außer den kaputten Klamotten und seiner zerlöcherten Geschichte gar keinen mehr. Henry ist tot. Seit 15 Jahren. Die Hülle kann aber immer noch reden. Mehr nicht.

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