Du wolltest wieder frei sein, Fliegen lernen, Träumen und die grünen Berge mit den goldenen Flüssen sehen. Hast mich gebeten. Den Glanz wolltest du wieder, dich selbst sehen, als Kind, hast du gesagt, mit dem lustigen zu großen, grün-blauen Kleid mit gelben Blumen drauf, über die Wiesen laufen und Gedichte auswendig rumsingen, dass sie all die Vögel hören können, die Grillen, Hunde und Katzen. Ganz ohne Sandalen, deine Haare nicht zu einem Zopf gebändigt. Du wolltest dich wieder, die Tage, die Gedichte, den Geruch der Wiese und den Mittagsschlaf, den Milchreis zum Abendbrot und mit Freundinnen wach bleiben, bis die Sonne untergegangen ist.
Zeige es mir, bitte, ich vermisse mich so.

Stehst auf dem Balkon, hast deine traurige Zigarette, schon die dritte, in der Hand, weil du nicht rein gehen willst. Dann würde wieder eine Tür zu gehen. Wieder. So stehst du da, guckst auf die Lichter, dem faden Abendlicht hinterher, den Menschen auf der Straße, riechst Stadt keine frische Wiese, und trägst feste Schuhe, keine Sandalen. Stehst da, dein Zopf lässt die Haare tanzen, deine freie Hand sehnt sich so sehr. Dein Kopf nach Gedichten. Dein Bauch nach dem Gefühl der freien Geborgenheit da auf den Wiesen mit den Vögeln und den schmunzelnd ruhenden Bergen.

Manchmal wünscht du dir, wenn du dann wieder auf deiner Bettkante sitzt, auf deine Hände guckend, dass es irgendwie möglich wäre, Gefühle zu fotografieren. Einfach einen Schnappschuss davon machen, zwischen Tür und Angel. Dann wüsstest du dich besser zu erinnern. An dein Kind. An dich. Die gesungenen Gedichte. Wüsstest wie es ist Getier zu Freunden zu haben und wie es ist, wenn man sich Probleme versucht vorzustellen, weil man nicht weiß, was das sein soll, so ein „Problem“, von dem so viele redeten. Das Gefühl des befreiten alles-ist-möglich-wir-dürfen-nur-keinen-um-seine-Meinung-fragen-und-auch-keinem-davon-weiter-erzählen. Dann weißt du wieder, wie deine Seele tanzen kann, dass sie es nie lernen musste, und früher auch fliegen, einfach über die Felder, und Flügel-in-Hand die Gedichte dann umgedichtet einfach durch die Lüfte hallen.

Deine Hände sind noch immer schön. Und jung. Und sie wissen so tapfer, so weise, was sie wollen und vor allem eines nach den langen letzten Jahren- was sie nicht wollen. Sie haben gelernt, dass zwei weitere Hände bedeuten können, irgendwann nicht mehr zu wissen, wer man selbst ist, weil die anderen beiden Hände immer die eigenen brauchen um irgendetwas durch die Gegend zu tragen, ohne aber dabei über deine schönen Hände nachzudenken. Jetzt halten sie oftmals mehrere Zigaretten fest und deine Blicke rufen fragend den Horziont, was denn jetzt mit einer Antwort sei. Wieso denn die Wiese verschwinden musste, die Hände vergaßen große Dichter einzufangen um selbst dichten zu lernen und den Buchstaben das fliegen bei zu bringen.

Was sagt man dir nur, mit den fleißigen, immer guten Händen? Deinen traurigen Augen, deinem schweren Herzen, dass nicht immer warten will, nicht immer kämpfen, nicht immer nur rennen und hoffen. Sondern dabei sein, singen und tanzen ohne sich immer zu schämen, sich nicht immer verstecken. Was sagt man dir, wie du da sitzt, du hübsches Ding. Wie kann ein so schöner Mensch nur so unglaublich weit weg sein, wenn er neben einem sitzt?

Du ertränkst die Realität in Wein, Bier und pointenlosen Witzen. Hörst geduldig zu mit der tiefen Hoffnung, dass da noch was kommt. Denn dieses Kind ist groß geworden, hat gelernt zu laufen, zu kämpfen, weiß wie man sich selbst Kleider näht und dass man aufpassen muss- auf ein Kind. Hat gelernt, dass alleine Sein vertrauter sein wird über die Zeit, als alle zusammen und lasst uns was leckres kochen und dann was erzählen, dass einen nichtmehr weghorchen lassen kann. Lasst uns rausgehen, laut sein, nicht immer nur leise, und was machen, egal was, was wir uns dann irgendwann erzählen können ohne ständig zu fragen „was wäre gewesen“.

Und dann stehst du auf, nimmst mich in den Arm. Lässt mich nicht mehr los. Deine nackten Arme drücken meinen Hals, fester. Deine Haare hängen mir ins Gesicht und ich merke dass du weinst. „Es ist so verflucht schwer, dabei ist es so leicht, verdammte Scheiße.“ Ich weiß was du meinst. Halte dich fest.

Dann lässt du los, ich wische dir die Tränen aus dem Gesicht, nimmst die Schachtel Kippen vom Tisch und läufst zur Balkontür. Ich lasse dich dieses Mal nicht alleine den Horizont befragen, und die Lichter beäugen. „So viele Zigaretten kann ich gar nicht rauchen, verstehst du. Ich kann es einfach nicht wegrauchen.“ „Niemand kann das“ antworte ich. „Aber es wird besser, irgendwann. Mit ein bisschen Glück auch schöner.“

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