Und ich hab inständig gehofft. Obwohl du gesagt hattest, ich soll es lassen, aber das war mir egal. Und es wäre mir wieder egal. Ich würde wieder hoffen. Nicht, weil mir deine Meinung egal ist, dass ist sie nicht, ganz und gar nicht. Das komplette Gegenteil. Du warst sowieso viel zu weise für dein Alter, das hat mich  in regelmäßigen Abständen in Rage gebracht. Dann tobte ich innerlich und du  hast dann immer nur gelächelt.  Ich weiß nicht, ob dir das egal war, ob dir das Spaß machte oder halt unangenehm war und du deswegen gelächelt hast. Aber du hast dann immer  gelächelt und das beruhigt mich noch heute total. Du hast mal über das Lächeln gesagt, dass es das absolut Schönste und auch Lohnenwerteste wäre, das es gäbe. Ohne Lächeln wäre die Welt ein finsterer Ort. Ohne Lachen die Hölle. Irgendwie hast du Recht, dachte ich mir dann nach einer gewissen Zeit, so zirka einem ganzen Tag, an dem ich mir fest vorgenommen hatte, nicht zu lächeln. Und wir waren extra früh aufgestanden, es war ein Samstag, und die ersten Bäume begannen die Blüten ab zu werfen, es war wolkig und hat ein wenig geregnet, aber hin und wieder linste die Sonne ein kleines Stück hervor. Wir haben gefrühstückt, und du hast deinen kalten, schwarzen Kaffee getrunken zu deinem Brot mit Käse, denn du magst Wurst nicht, besonders kalte Wurst nicht, wenn man sie brät, und sie richtig schön heiß ist, dann gehts, aber so kalte Wurst ist absolut nicht deine Welt. Ich habe dir dann dabei zugesehen und eine Zigarette geraucht, beide saßen wir zum ersten Mal das Jahr auf dem Balkon, das war schön. Du hast in aller Ruhe gegessen, wir saßen bis auf den Bademantel nackt auf dem Balkon, und meintest, wenn die Nachbarn schauen sehen sie nichts, was sie noch nicht gesehen hätten. Das glaubte ich dir nicht, denn so jemanden wie dich hatte ich noch niemals gesehen, wirklich wahr. Es ist mir noch nie zuvor so schwer gefallen jemanden mit ’nem anderen zu vergleichen, es ging eben nicht. Naja und dann haben wir gefrühstückt, was lustig ist, denn du kannst früh aufstehen eigentlich absolut gar nicht leiden, aber bist dann trotzdem gut drauf. Und so warst du mit deinem zweiten Becher schwarzen Kaffees fertig, als ich meine Zigarette fertig geraucht hatte.
Bevor wir dann los gegangen sind an diesem Tag, hatten wir noch eine halbe Ewigkeit wunderbaren, verschwitzten Sex. Keinen Hollywood Sex, sondern ungeschminkt, in Bademänteln, und du lagst unten und ich auf dir drauf. Du liebst meine Brüste, hast du immer gesagt, und sie dann geküsst und hart aber auch zugleich zart angefasst, das hat mich angemacht. Danach sind wir noch schnell duschen gegangen. Ich habe es immer geliebt, wie deine Blicke mich ausgezogen und bewundert haben, ohne aufdringlich zu sein. Ich kam mir vor, wie ein wandelndes Gemälde, obwohl ich mich etwas „zu viel“ überall fand. Du hast dann immer gesagt, man liebt einen Menschen entweder immer ganz, oder halt garnicht. Und ich sei immer wunderschön. Immer. Es gäbe einfach keine Ausnahme, es sei denn ich verlöre all meine Zähne, würde schielen, und 200 KG zunehmen und stinken. Aber das würdest du irgendwie bezweifeln. Ich habe dich dafür immer gehasst, weil ich das Kompliment scheiße fand.

Wir sind dann an diesem Tag ans Meer gefahren und es ist ja leicht, so am Vormittag und beim Sex und Duschen nicht zu lächeln. Ich habs auch durchgehalten, obwohl du mir etwas Lustiges erzählt hattest, über einen Roadtrip, den du mal vor 5 Jahren oder so mit deinen Freunden gemacht hattest. Innerlich habe ich mich totgelacht aber kräftig auf die Lippe gebissen. Freunde sind einfach die bessere Familie meintest du dann auch immer, wirklich wahr. Die, die du hattest, du hattest wirklich nicht viel Glück mit deiner Familie, war zu kleinen Teilen extremst liebenswert mit massiven Macken, aber das seien eben deine Freunde auch. Und gerade weil es ist wie immer, wenn man sich nach einer langen Zeit dann wieder sähe, und sich in die Arme falle und nicht mal viel erzählen müsse, sondern einfach die Präsenz zu schätzen wisse, das wäre eben das, was du so schön fändest an deinen Freunden. Sie seien wie Familie. Einfach da. Ob man jetzt will oder nicht, ob jetzt vor Ort oder weit weg. Das habe ich immer geliebt an dir. Für dich war es selbstverständlich für alle da zu sein, wenn was ist. „Die werden ja wohl klar kommen, wenn alles in Ordnung ist, oder? Ist ja nicht so, dass der Alltag nicht genügend Zeit von uns abfordert, oder sehe ich das jetzt verkehrt?“ hast du dann immer gesagt und in eine rhetorische Frage verpackt.

Bis zum Mittag hatte ich es auch ausgehalten nicht zu lächeln. Dann hast du versucht einem kleinen Kind, dass glaube ich Angst vor dir hatte, das Eis abzureden, und ich habe mich totgelacht. Du hast dem Kind dann erklärt, warum Eis ungesund ist, und es den Zähnen weh tut und du ihm einen Gefallen tun würdest, würde das Kind dir das Eis überlassen. Zehn Minuten hast du auf das Kind mit den schmelzenden Kugeln eingeredet, warst in die Hocke gegangen und hast geredet. Als die Eltern dann irgendwann aus der Boutique vor der ihr zwei wart, heraus kamen, schnauzten sie dich auf Kroatisch oder so an, du und ich haben kein Wort verstanden und das Eis war inzwischen über den gesamten Unterarm des Kindes gelaufen.

Der Tag war wunderschön mit dir, wie alles mit dir. Wenn du irgendwo warst war es so, als wärst du schon immer dort gewesen. Ich wusste nicht, ob du auch Anspannung kanntest, denn ich wurde immer erst in deiner Gegenwart irgendwie locker. Du hast auch immer gesagt, man solle sich nicht so viele Gedanken machen und nicht immer rumvergleichen mit anderen, das würde auf Dauer wirklich schlechte Laune machen. Du hast dich auch viel verglichen, hast du dann immer eingeräumt, aber eben nur im gewissen Maße. Und am Ende ist es eben wie es ist, ob man sich jetzt vergleicht oder nicht. Man kann auch einfach drauf scheißen und weitermachen und eben das Beste aus allem machen, vielleicht noch was dazu gewinnen, Erfahrung, oder mit ein wenig Glück, einen besseren Job. Aber das Leben hinge nicht von so etwas ab. Die reichsten Menschen, die du kanntest, waren die miesesten Freunde. Sie waren verzogen hast du immer gesagt. Klar, gegen viel Geld hättest du natürlich auch nichts einzuwenden, aber ich solle mir das Meer angucken und dieses fragen, was es dazu sagt. Wenn ich keine Antwort bekäme dann wüsste ich was los sei. Ich hab dich nicht verstanden und du hast mir das angesehen, gelacht, bist aufgesprungen, hast mich an beiden Händen gepackt, mir ein Kuss auf den Mund gedrückt, angefangen laut zu singen und mit mir zu tanzen.

Und jetzt hast du mir gesagt, ich solle aufhören zu hoffen. Nicht weil hoffen schlecht ist oder so, sondern weil es manchmal einfach zu viel Energie kostet so rumzuhoffen wo sowieso nichts mehr hilft. Da wär es besser einen klaren Kopf zu behalten und diese Hofferei sein zu lassen, die mache einen mürbe und trübe. Das bräuchte doch keiner, weder der der selbst zweifelt, noch der der hofft. Beide sollen machen, so wie immer, das sei doch das Einzige was helfe, wenn in dieser scheiß Welt überhaupt noch was helfe. Und damit meintest du dann immer den Krieg, der Menschen töte, und dreckig, scheiße, überflüssig und gemein sei. Aber nach einem Krieg und in schwierigen Zeiten würden die Menschen irgendwie, auch weil sie nichts hatten, vielleicht ein klein wenig netter zueinander sein und sich helfen. Aber du könntest das jetzt nicht belegen, schließlich hattest du noch keinen mitgekämpft und das würdest du auch nicht wollen.

Als du gingst hast du mir gesagt, dass das Leben so ist, und ich habe dich gehasst für diese zynische Seite an dir, denn du bist viel zu weise für dein Alter. Hast gesagt, während du da am Bett neben mir saßt und mich angeguckt hast, dass man immer nur den Moment genießen kann und fortan ist der dann Erinnerung und weg. Das fand ich scheiße, ich wollte mehr Momente, aber du bist gegangen. Nicht weil alles nicht schön war, sondern weil sich alles verändert. Ob du, ob ich, ob wir wollen oder nicht. Und ich wollte nicht mit. Denn mein Leben war schon immer hier. Aber ich hoffe, dass du irgendwann wieder hier lebst. Jeden Tag. Seit sieben Jahren. Ich glaube, du wärst stolz auf mich. Ich habe schon viele Lieder geschrieben und gemalt. Du wolltest immer, dass ich das mache, und auf keinen Fall aufgebe, was ich bin, was ich machen will, was mich treibt und am Leben hält. Hast immer gesagt, wenn es nicht die Leidenschaften sind, die uns glücklich werden lassen und uns Erfolg bringen, uns nichts mehr außer der eigenen Sklaverei übrig bliebe. Daher habe ich gemalt. Wie verrückt. Hunderte Bilder. Und es war schön. Nackt, im Rock, Jeans und T-Shirt, Kleid oder Bademantel. Ich saß da und habe Leinwände bemalt. Und Lieder geschrieben, so viele Lieder geschrieben.
Ich wette, doch ich weiß, du bist stolz auf mich. Denn du kennst sicher meine Lieder, pfeiffst sie vielleicht dann und wann mit und denkst dir „gut gemacht Mädel“ und winkst dann in meine Richtung. Du meintest immer, wenn man einen Menschen liebt, aber der gerade nicht da ist, dann kann man seine Richtung erfühlen. Und meintest, dann solle man dem Menschen zuwinken, der würde das merken und man fühle sich dann weniger allein.
Und ich glaube, du hast mir recht häufig zugewunken.

Es wäre so schön, dich wieder zu sehen, denn so viele Lieder sind für dich. Noch immer. Das kann ich immer keinem erzählen, die denken dann ich spinne. Du hättest ihnen versichert, sie selbst täten das auch, und ein gewisser Anteil an spinnen sei für einen klaren Kopf unvermeidbar.
Sie hören meine Lieder, heute und hier, und singen auch mit und ich weiß, das würde dich schrecklich stolz machen. Ich hab auch eins ganz speziell über den Tag geschrieben, an dem ich fest vorhatte nicht zu lächeln. Ich habe es in Spanien geschrieben, komischerweise auf einer Brücke vor trüben, aber badewannenwarmen Wasser in das die ansässigen Spanier immer hinein gesprungen sind. An dem kleinen Fleckchen Ufer schwamm etwas Müll im Wasser und auch ein toter Fisch, aber du meintest immer, wenn man unterwegs, weit weg, zu Besuch bei Fremden wäre, müsse man dorthin, wo man niemanden, absolut niemanden mehr verstehe und wo einem nicht das ganze renovierte Gedöns nerven würde. Da geht man hin und da kann man sich entspannen. Denn da entspannen sich auch die Menschen die da wohnen. Und leben. Und das merke man. Im Getümmel könne sich doch keine Sau entspannen meintest du immer.
Und dort habe ich das Lied geschrieben. Wie du mich geküsst hast nicht, aber wie du gesungen hast, an das Leben geglaubt und wir getanzt, einfach so. Es gab keinen Grund. Es sei denn, hast du gesagt, wir geben allem einen Grund. Und dein Grund war, dass es schön war. Daher tanzten wir. Und darum schrieb ich. Und schreibe. Und singe. Und ich wette, und hoffe, dass du stolz auf mich bist. Denn inzwischen bin auch ich etwas zynisch geworden und du hast auch dafür gesorgt, dass auf meinen Schultern nur zwei Engel, nicht ein Engel und ein Teufel sitzen. Du hast den Teufel dort verscheucht. Und deshalb denke ich gar nicht dran aufzuhören zu hoffen. Weil ich weiß, dass du das toll fändest.

 

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