Auf Besorgungstour

Kurpolierende Arschlöcher und sabbernde Vollidioten.
Der Saal war voll davon.
„Was soll ich denen jetzt sagen, hm? Ich will meine 90 Ecken zurück oder was? Das kann ich echt nicht bringen man.“
„Halt die Fresse und komm mit.“

Zwei schwitzende Tanktops, weiß, keine Flecken, leicht nach Chlor riechend, übertüncht mit einer Fahne von Boss, oder Gaultier, einer mit zu viel Haaren an den Oberarmen und der rücklings liegenden Halspartie, der andere blank rasiert wie der Arsch eines Teenagers, sogar auf seinem Schädel, bahnen sich den Weg zur Bar.

„Zwei Gin. Mit Tonic.“
„Zwei Jacky’s. Auf Eis.“

In diesen Katakomben wird gefickt. Das war offensichtlich.

„Warum jetzt die 90 Tacken bitte? Und jetzt noch das Scheißgetränk, hier ist nix drin verdammt, das ist Farce. Genau wie die Weiber, die haben keine Titten und sind fett.“
„Halt jetzt den Rand, sonst fotz ich dir eine.“
– Stille.

Früher war gar nichts besser

Der dicke, haarige der beiden, war Paul. Einfach Paul, oder auf Paule, je nach Laune. Einfacher ging’s nicht. Nur in Pauls Hirn war immer was los, das war Paul’s Problem. Und das er die Klappe nicht halten konnte. Und auch nicht kann. Paul kann nix dafür.  Paul hat den Anfall seines Vaters, in einer Nacht von Donnerstag auf Freitag, in der sein alter Herr mit einem Fleischermesser aus der Küche auf Paul’s jüngere Schwester und seine Mutter einstach, nicht miterlebt. Sein Alter sei einfach mitten in der Nacht aufgestanden, in Unterhose, wäre verschlafen in die Küche gelaufen, achtundzwanzig Scheißstiche in seine Frau, vier in die kleine Tochter. Kein Brief, nichts. Alles lief, keine offenen Rechnungen, kein verfluchtes Mobbing am Arbeitsplatz. Die Wohnung glich einem Schlachthof titelte ein Käseblatt die Titelseite, so wenig passierte in dem Scheißkaff. Die Bilder sah Paule erst in der Zeitung. Nach dem verdammten Gemetzel hat sich Paul’s Alter selbst die Kehle aufgeschnitten. Das sei ungewöhnlich sagte die Polizei Paul, als er mit seinen 10 Jahren aufs Revier geholt wurde- in U-Haft. Ein verdammter 10 Jähriger in U-Haft. „Das ist wirklich sonderbar. Normalerweise stechen sich die Täter in den Unterleib, oder schlitzen sich die Pulsadern auf. Oder erschießen sich eben, oder springen. Aber den Hals schlitzen sie sich für gewöhnlich nicht auf.“ Paule war damals ordentlich am Flennen gewesen, so was erzählt man keinem 10 Jährigen Jungen, der gerade seine gesamte Familie wegen seines hirnverbrannten alten verloren hat. Aber der Kommissar dachte ernsthaft, Paule hätte alle abgemetzelt, dieser kleine Junge.

Eine Polizistin hinter dem großen Spiegel griff dann nach einer gefühlten Ewigkeit ein, ihre Stimme ertönte durch den Lautsprecher und Paule erschrak ein wenig. „nun lassen sie den Jungen in Ruhe! Paule, danke dir, das war’s, du kannst nach oben gehen, da wartet jemand auf dich.“

Paul war in der Nacht aus dem Fenster geklettert und über den Eichenbaum drei Stockwerke abwärts auf die Straße. Er hatte eine Freundin, Mina hieß die, und wollte zum Morgengrauen wieder zurück. Die Eltern wussten nichts von Mina, sie hätten Paul das nie erlaubt, mit 10 Jahren hat man keine Freundin in Pauls Familie. Der Vater hatte in der Nacht einen Ausraster bekommen. Er war ein Trinker vor dem Herren, aber eigentlich ein zahmer Hund. Die Mutter hat immer rumgefickt wenn der Vater arbeiten war. Paul hat dann mit Mina draußen auf seine kleine Schwester aufgepasst und „heile Welt“ gespielt, das Spiel und den Namen haben sie sich selbst einfallen lassen. Da stand ein kleines Häußchen mit rotem Dach auf dem Spielplatz, in dem sie das immer machten. Paul fand, sie seien zu alt für Sandkuchen, aber wenn seine kleine Schwester den backe, ginge das schon okay.

Die Polizei fand Paule dann morgens wie er gerade an der Eiche hoch klettern wollte. Die Eiche Stand am Hintereingang, die ganzen Polenten waren vorne. Aber ein Polizist hatte aus dem Fenster geguckt und seinen Kollegen per Funk den kletternden Paul durch gegeben.

Nach dem Verhör wurde Paul von einer braungelockten Frau mit großen Brüsten in Empfang genommen, Rita hieß die, vom Sozialamt. Paul wurde mit 10 Jahren zu einem Sozialfall. So etwas brandmarkt  für’s Leben. Paule wurde in ein Heim für schwer Erziehbare gesteckt, dabei war er harmlos. Paul hatte immer gern gelesen, Abenteuerromane, damit war dann Schluss. Bis Paul 16 war hatte er gelernt zu dealen, aber nur mit Hasch, und anderen, halbstarken Jungs aus den Hochhaussiedlungen, Pornos und harten Alkohol zu verkaufen. Den Hasch verkaufte er ganz regulär in Parks. Paule kannten die Kiffer im Park, und die waren harmlos und gaben immer ein paar Mark mehr.

Mina wollte nichts mehr von Paul wissen als er 12 wurde, denn er veränderte sich. Mina kam aus recht gutem Hause und ihre Eltern wollten auch nicht, dass ihr kleiner blonder Engel sich mit so einem wie Paul abgab. Das hatte zu Reibereien zwischen Mina und Paul geführt. Und wer mit 11 Jahren schon streitet, bei dem ist was faul. Mina hat dann irgendwann Paule an den Haaren gezogen und ihm so richtig in seine Weichteile getreten, als Paule noch nicht mal wusste, wozu, außer zum Pissen, die gut waren. Dann war’s gelaufen, die erste Liebe.

Paul kam zu Erst mit Olaf, Harri und Julius, genannt Spence, aufgrund seiner Ähnlichkeit mit Bud Spencer, auf einem Zimmer. Die drei kannten sich schon länger und sammelten Marker und wasserfeste Filzer. Sie konnten noch keine Grafittis, also beschmierten sie Wände mit diesem Zeug. Paul wurde das erste halbe Jahr jede nacht von den dreien verdroschen, aber nie im Gesicht, als um 9 Uhr das Licht ausging. Sie konnten Paul nicht leiden. Warum, konnte keiner von ihnen sagen, aber Paul war nach dem plötzlichen Ableben seiner Familie eher still geworden.
Nur kommt „still sein“ nicht gleich mit „cool und hart sein“ in Verbindung in diesem Alter.
Paul wurde Bettnässer, wer konnte es ihm verübeln.
Hier und da klebten die Olaf und Harri, nachdem sie die Titelseite mit dem Foto des Gemetzels von Pauls Vater im Internet gefunden hatten, den Dreck über das Bett von Paul. Dafür gingen die beiden extra in eine verdammte Bibliothek. Paul hat das jedes Mal ganz schön mitgenommen. Einmal süfften sie zusätzlich sein ganzes Bett voll mit Himbeersaft zu den geklebten Bildern. Paule kam da ausm Flennen gar nicht mehr raus.
Irgendwann, als Spence gerade eines Nachts Pauls Rippen bearbeitete, mit der Faust, Griff Paule, dem Harri ein Kissen aufs Gesicht drückte, nach einer Wasserflasche, schlug sie gegen die Zimmerwand und im Anschluss mit dem Rest um sich. Es war eine wahnsinns Schweinerei. Harri und Spence heulten wie Kinder, es waren ja auch noch Kinder. Abschaum.

Paul kam zu diversen Psychologen und -analytikern, bekam Zeug zur Ruhigstellung und die Diagnose an die Backe, dass die Tat seines Vaters sich auf ihn übertragen hätte. Die drei Jungs sagten zu dem Vorfall nur, Paule wäre durchgeknallt und hätte Bambule gemacht, einfach so. Sie hätten ihn dann auf sein Bett versucht zu fixieren, damit er aufhöre (daher die blaue Flecken) und dann sei bei ihm was durchgebrannt im Kopf.

Wenn du so jung bist passieren solche Dinge einfach, und keiner der Jungs hatte einen richtigen Schimmer, was sie da eigentlich taten. Paule war einfach mies dran, dafür konnte auch er nichts, aber irgendwann wehrt sich eben jeder. Vor allem wenn du kurz vor dem Ersticken bist.

Paul hatte eine recht komplizierte Kindheit, er kam schließlich auf ein Internat, das war seine Rettung, er schaffte es bis zum Abitur und wurde gesprächig. Die drei sah Paule nie wieder.

Studiert hat Paul nie, er wollte immer Schrauber werden. Also ist er zu einer KFZ Werkstatt gegangen, hat seine Ausbildung mit Bravur bestanden und schraubt seither. Das Schönste für Paul ist genau das. Ein normales Leben. Einfach so.
Nur das Geld ist eben knapp geworden, und Paul hatte auch nie weiter über Frauen nachgedacht, man könnte sagen, dass die Geschichte mit dem Doppelmord an seiner Mutter und seiner kleineren Schwester und die Kirsche auf dem dampfenden Haufen Schicksalskacke- das geschmacklose Schlussmachen mit Mina- irgend etwas in den Beziehungsstrukturen zu Frauen bei Paul kaputt gemacht hatten.

Mit 25 hatte sich Paul in die Prostituierte „Bienchen“ verliebt, wurde aber von ihrem Zuhälter zuhause aufgesucht, als er sie „retten“ wollte, der ihm klar machte, wenn keine passable Summe fließe, könnte Paul in sehr naher Zukunft seine Karren im Rollstuhl weiter schrauben, und das mit künstlichen Zähnen. Paul war nu weiß Gott kein wohlhabender Kerl, woher sollte er das Geld auch haben.
Also hörte er auf Bienchens Tipp, mit ihr nach Polen zu fahren, sie hätte da Familie, und ein paar Autos zu knacken und in Deutschland zu verkaufen. Das klappte vier Mal, danach hatte Paul genügend für Bienchen gespart. Er zahlte saubere 120.000 Fliegen an den Zuchtbullen der Prostis und wollte Bienchen heiraten. Doch als er nach dem Deal nach Hause kam, war seine Bude leer geräumt und Biene ausgeflogen. Scheiß Metapher dachte Paule, und scheiß Weiber und scheiß Nutten.

Bienchen meldete sich Jahre später mit einem Brief ohne Absender, um sich zu entschuldigen. Sie sei seintens ihres Zuhälters damals verarscht worden, da war sie gerade mal 16 Jahre alt, der meinte, sie könne groß in Deutschland rauskommen mit Modeln und einem tollen Gesicht vor der Kamera. Groß raus kamen nur ihre Titten und ihre Absätze für ihren neuen Job.
Sie schrieb Paule, er sei ein „Erlöser“ und ein „Engel“.

Mit dem Zuhälter hatte sich Paul über die Zeit angefreundet. Er hieß „Torro“ – wie der Stier, auf Spanisch- aber eigentlich Sven. Torro war schon immer breit gebaut gewesen, seine Eltern kannte er nicht, das verband ihn irgendwie mit Paule. Paul machte seine Hochglanzkarren fit wie kein zweiter und Torro meinte irgendwann, warum so ein guter Schrauber mit so viel Grips nicht mit ins Gewerbe einsteigen wolle, ficken könne er wie ein Hengst, und Handwerklich sei er geschickt. Torro und Paule stritten am Anfang viel, weil Paul es nicht leiden konnte, wenn man ihm ins Handwerk reinlaberte. Torro war ein „Findelkind“, seine Eltern, so wurde vermutet, waren üble Junkies, denn als er gefunden wurde vor dem Krankenhaus, nackt und noch blutig, nicht mal sauber hatten sie den Wicht gemacht, hatten die Ärzte Spuren von Heroin und MDMA in seinem Blut gefunden. „Eigentlich hätten sie gar nicht überleben dürfen“ war die Einschätzung der Ärzte damals gewesen, dass kam Paule seltsam vertraut vor. Beide tranken viel Bier miteinander, wenn Paul Feierabend hatte und Torro noch nicht auf der Arbeit war.

Torro hatte nicht so viel Glück gehabt wie Paule und musste sich von früh auf durchkämpfen. Er wurde von drei seiner schleimigen Oberarzt-Daddys durchgenommen, seine „Leihväter“ der Familien, in die Torro gesteckt wurde: „aufs Übelste. Also wenn du dir vorstellst, du weißt wie sich ’ne Frau fühlt wenn du die von hinten bummst, und die hat eigentlich keinen Schimmer wie’s Anal funktioniert, so ohne Gleitgel und so, dann sag ich dir- du weißt es nicht. Es tut beschissen weh und der verwichste Schließmuskel kann auch reißen.“ Und das war er. Siebzehn Male wurde der Schließmuskel von Doc’s zusammen geflickt, als ‚Freundschaftsdienst‘ von Kollegen der Schleimer-Daddys von Torro. Zwei der Daddys wurden von der Jugendamtstante befragt, warum Torro mit 12 Boxen lerne, er sei zu jung und seine Muskeln und Knochen noch im Wachstum. Aber der war eben Arzt und hat sie bestochen, damit sie still ist. Das war sie aber nur 1 Jahr lang, dann wurde Torro in eine neue Familie gegeben. Ein Doc mit einer absolut eingeschüchterten Tante die Frisösin war. Ina heißt sie. Ina liebt Torro bis heute, sie hat ihm geholfen den letzten Doc zu vergifen. Als Torro 17 Jahre alt war vergiftete er mit Ina den letzten seiner Daddys und lief weg, satte 670 km weit, und wurde auch nicht gesucht. Die Realschule hatte er in der Tasche- dumm war er nicht. Ina kam mit und lebt noch heute bei ihm. „Ohne Ina wäre ich tot, der Alte hat uns beide durch genommen als gäbe es für ihn kein Morgen mehr.“

Torro hatte Ina und Ina wuchs Paul nach den ersten Grillabenden so richtig ans Herz. Die beiden verstanden sich von Anfang an und die drei wurden eine neue kleine Familie. Torro bot Paul auch an, das Schrauben sein zu lassen, aber Paule wollte nicht. Das war sein Zuhause, er konnte reparieren, kannte sich aus, wusste bei jedem Auto Bescheid. „Wie ein Doc für Autos. Die zicken nicht und laufen danach wie geschmiert. Klares Problem- klare Lösung. “ Mit Torro und Paul begann alles so, dass Paul mehr Geld bekam, als er Torro aufgeschrieben hatte für seine Karren und so fett Rabatt auf die Prostis bekam, dass er eigentlich gar nichts mehr zahlte außer die Gummis.

Ina und Torro schenkten Paul dann irgendwann ne ganze, eine ganze verfluchte Werkstatt zum 10ten ihres  „Familien“-Jahrestages. Für Torro war das die perfekte Tarnung, und jetzt konnte Ina endlich in der Buchhaltung arbeiten und mit den Kunden quatschen, während Paule dem Schrauben nachgehen konnte. „Fifty-Fifty, alles klar, Paule?“ „Ihr seit doch des Wahnsinns ihr zwei, ich Liebe euch“ war alles was darüber gesprochen wurde. Am Ende teilten sie es so auf, dass Ina und Paul sich alles 50:50 teilten. Die Nutten lebten nun in den zwei Stockwerken über der Werkstatt, das war eine perfekte Tarnung und flog nie auf, anschaffen gingen sie ja auf der Straße und ficken in den Karren oder bei den Freiern Zuhause.

Wieder zurück ins Loch- die Besorgungstour

Als also Torro und Paule in diesem Drecksloch aufschlugen suchten sie nichts zum ficken, sondern neue Nutten. Sie waren über die Grenze gefahren, Paule wollte auf dem Weg noch ein Auto knacken, damit alle drei schöne Ferien machen konnten, also war das unterm Strich eine reine Geschäftsreise.
Überall stank es nach Pisse und Sperma.
Torro hasste es, wenn er auf der Suche war, und Paule wieder rum maulte wegen dem bisschen Geld. Paule mochte die Ficklöcher hier in Rumänien nicht. Er hasste sie geradezu.

So eine Tour ging knappe drei Tage. Torro bequatschte immer nur reifere Frauen „das ist doch scheiße, mindestens 16 müssen die sein, besser ist 18, schöne Titten und nen Arsch müssen die auch haben. So ein verhungertes Ding macht nur Probleme.“ Bei Paul kam immer die Erinnerung an Bienchen hoch, wenn er dabei zusah, wie Torro den Frauen Honig ums Maul schmierte, toll Essen ging und ihnen eine andere Welt zeigte- mit Geld und Glamour. „Sonst beißen die niemals an, verdammt, kapiers doch alter.“ Paule hatte viel zu gut verstanden.

Am letzten Tag, als die kleine mit Torro abhauen wollte, lud er sie in seinen dicksten Mercedes und ich folgte den beiden im geklauten Auto.

Es wurde ein fantastischer Urlaub.

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