19110015

Und manchmal ist man eben kurz davor aufzugeben, in diesem Durcheinander der Gefühlsexplosionen. Und Gefühlserosionen.
Zum Gegenschlagen, Anschreien, Durchdrehen, Wahnsinnig werden. Nichts lässt sich dann aufhalten und läuft einfach weiter, vor einem, neben und an einem vorbei.

Und man hatte alles so sauber geplant, selbst die Vorfreude war astrein und blitz blank poliert. Weiße Beisserchen, aalglatte Haut, viel trainiert, wichtige Dinge gelesen und verstanden, ausgeruht und ausgeglichen. Gehalten hat die nicht-farce dann ganze zwei Minuten, alle laufen auf ihren Köpfen wo sonst die Beine Baumeln, nur der Bauchnabel ist noch da, wo er mal war.

Man selbst hat aber noch nie einen Kopfstand fertig gebracht, warum auch, zu was soll es gut sein auf dem Kopf zu stehen, wenn schon die ganze Welt Kopf-steht.
Es kann so schnell gehen, in Bruchteilen von Sekunden, alles verändert sich, dass ist dann das, wahrscheinlich, was sich innere Stärke nennt. Oder auch einfach das, was man nicht erwarten wollte, die Vorfreude und die schönen Zähne, die gute Ernährung und das viele Wissen. Doch hier interessiert das keinen und in dieser Welt ist ein Mitreden so gut wie unmöglich. Ein Desinteresse am Kopfstand im Treibsand.

Besser hätten wir es nicht sagen können: aber so hätten wir es wahrscheinlich auch nie sagen können. Die anderen sind nicht wir aber anders herum eben auch nicht.

Und dann tritt sie wieder zu. Ohne Rücksicht. Mit vollem Schwung. Der dumpfe Aufprall an dem Schienbein deiner Seele, dem Steiß deines Herzens, lässt einen zu Erst nicht viel spüren, bis danach das Pochen einsetzt und man sich wundert, was denn eigentlich los war. Weil man sich auf den Moment nicht vorbereiten kann. Und man sich eben auch selbst hier und da im Stich lässt. Auch, wenn man denkt, so viel anders zu sein, irgendwie doch gleich sein will, aber nicht weiß, was dieses gleich eigentlich ist, und wo man es findet, wie es aussieht, wo es so rumläuft, welche Klamotten und Musik es gerne mag, welche Gedichte es gern ließt, ob es überhaupt ließt und ob es einen mitten in der Nacht in die Arme nimmt, auch dann, wenn wir auf einmal anders sind und trotzdem das Herz nicht den Platz gewechselt hat.

Der viele Wein. Das viele Lachen. Die langen Abende. Die verschlafenen Vormittage. Die ehrlichen Zeilen im Buch. Die Melodie, die einen weinen lässt. Und das Gegenüber, dass es versteht, lächelt und einfach nichts weiter macht außer Dasein.

Eine geschlossene Tür, die die ganze Welt öffnet. Eine ganze Welt die sich ausruht, eine andere die heute einkaufen geht und noch eine andere, die eine so schöne Stimme beim Vorlesen hat.
Weil wir einige Momente nicht vergessen.
Weil wieder neue kommen.
Und sich immer alles verändert.
Und man das immer immer wieder vergisst.

 

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