Schüsse. Überall. Schüsse in deinen Kopf. Trommeln aufeinander, zerfetzen deine unnütze, viel zu alte Schädeldecke. Hirn, überall Hirn, niemals hättest du geahnt, dass doch so viel da drin steckt. Hirn also.
Der Klang kann nicht mal verhallen, als du nur noch aus einem offenen Deckel bestehend dastehst, krumm und grinsend, überall um dich herum diese unnütze Masse aus Eiweiß.

Deine Muskeln werden getroffen, zucken kurz, reißen ab, fallen durch die kleinen Kugellöcher wie behinderte Regenwürmer heraus, tropfen gelangweilt unter dem Kugelhagel zu Boden und bleiben erschöpft liegen. Nicht mehr weiter. Hier und hier bleiben.

Beim letzten Schluck Bier entgeht dir fast, dass es so schlimm alles nicht war, vor dem Massacker. So scheiße eigentlich nicht. Nein, wirklich nicht. Bier weil die Realität nerven kann, weil man manchmal öfter nicht komplett dabei sein will. Die Prinzessinnen keine sind, und Ritter sehr selten Rüstungen tragen und dadurch so verletzlich sind, wie alle anderen auch. Alles was sie haben ist den Mut und die Tapferkeit, die Prinzessinnen den der königlichen Stärke, die Ritter die der Schlacht.

All das Märchenland, erträumt und weich gebettet erfunden, im Seelengepäck immer mit herum getragen, die hässlichen Gebäude nicht gesehen, das Interieur ignoriert, Mundgerüche und schlechte Küsse nicht geschmeckt, mieses Essen ausgeblendet. Bettler, behinderte Tauben, krebskranke Weltverbesserer… alles war immer da, nur nicht bei dir.
Dann hast du es gesehen, hattest immer so eine große Angst, aber: jetzt ist es nicht schlimm. Nur so ganz, vollkommen anders wunderbar. Ein Wunder von damals hat sich mit einem neuen Zauber von heute die Klinke in die Hand gegeben. Und du hattest Angst. Die ganze Zeit so eine scheiß Angst, dass es nie mehr schön wird. Ohne die Augen auf zu machen.
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Der Schluck Bier ist noch kühl, voll Kohlensäure. Die Schüsse werden Dumpfer, inzwischen sind deine Beine löchrig und du merkst, wie eine Träne aus einem Auge kullert. Du musst lächeln.
Nein, so übel war das alles gar nicht. Du schluckst. Und bist traurig. Immer trauriger. Denn alles war schön, auch wenn es so weh getan hat. Das war egal. Die tausend Abschiede. Wieder so eine Klinke. Kein Abschied wie der andere. So oft ein Morgen. So oft gefürchtet. So selten ist etwas passiert.
Und selbst dann, es hat sich gelohnt.

All das Meckern, die S-Bahnen, das Zugfahren und Fliegen, dass wandern und spazieren, die lange Weile und die miesen Filme…am Ende war alles gut. Hände haben deine gehalten. Die einen kamen, die anderen gingen, wenige sind geblieben. Andere nur im Herzen, da aber für immer.

Weil alles so egal ist, aber genau das so wichtig. Und es wieder so sein soll. Beim nächsten Mal. Und wenn nicht, ist es vollkommen egal. So war es perfekt.

Dann sagst du leise danke.

Die Träne war keine Träne. Das Bier prickelt noch leicht in deinem Magen.

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