In diesem Aschenbechercafé. Es ist derart hip, angesagt, stinkig, voller ekelhaft durchgesessenen Couchen die mehr Säfte gesehen haben müssen, als irgendeine Porno-dreh-Couch, und es stinkt. Hat Birgit erwähnt dass es brechend voll und laut ist? Frauen, Männer, eine schicke als die andere. Figuren, als würden sie sechs Stunden täglich trainieren und sich wohlgewählt ernähren, gestyled als ob sie direkt aus einem Film kommen, wohlriechend, mit den tollsten Klamotten, Anzügen, Jacketts, Schuhen, Uhren, dezent wunderschönen Halsketten mit dem verräterisch kleinen Diamant daran. Männer mit aalglatten Hemden, Lederschuhen von heute, einem schweren, aber vertrauten Eau de Toilette Geruch wenn sie zwischen Kaffee, Zigaretten und Baguette Duft an einem vorbei huschen, dass einem schwindelig von all der Präsenz der anderen wird. Birgit, hier sollst du schreiben. Wo die anderen all die Zeit zum Hiersein her haben? Frage sie nicht. Sie sind da. Und fabelhaft dabei. Der Neid ist keinem sicher, in dem Spießrutenlauf der Eitelkeiten gönnt einer, so glaube deinem Instinkt, dem anderen dem letzten Krümel auf dem Tante-Emma-1960 Tellerchen nicht. Dennoch sind sie schrecklich liberal, oder so etwas, sagt das Lable „dabeisein“ zumindest.

Hier lernt Birgit also. Was genau, dieses Schreiben eigentlich nun konkret beinhaltet, ist ihr absolut nicht klar. Aber es soll so sein. Birgit ist fasziniert von so vielem Kleinen und sofort überfordert von so vielem Großen. Das erschließt sich Birgit nicht sofort, dafür braucht Birgit emotionalen Anlauf. Also bleibt sie vorerst sitzen. Einfach da. Bei einem kalt werdenden Kaffee. Und zieht all den schönen Gesichtern um sie herum heimlich im Kopf die Kleider vom Leib. Ihr kleines Herz beginnt sich mit Leidenschaft neben der Basisirritation zu füllen, Leidenschaft für DIE. Birgit bricht alles vorerst auf die ins Auge stechenden Wesentlichkeiten herunter: Nacktheit, Eros, Duft, Anziehung, Lachen, Charme, und das mysteriöse kennst du dass, wenn jemand in den Raum kommt, und alle nur so wooooooohooow, und alles still wird? . Die kleinen Dinge also.
Sie hat schon mal geschrieben, Birgit. Aber sie muss kanalisieren, denn sonst, so denkt Birgit, explodiert allmählich ihr hübsches Köpflein. Sie kann dann alles erzählen, was sie so bewegt und sie denkt, hey, euch muss es doch auch irgendwie so gehen endlich mal hinaus schreien. Für wen das sonst gut sein soll ist ihr selbst schleierhaft.

In dieser muffigen Bude also. Emotionen kanalisiert in klarer, verständlicher Weise über alles das in Birgits Leben so unfassbar bewegendes passiert, zu Word-Dokument bringen. Und sie denkt an Sex. Mit ihr. Und ihm. Und der da. Und die Kellnerin, wie alt die wohl ist… HALT! Birgit! denkt sich Birgit, sie schweift gedanklich ab und versucht sich krampfhaft zu disziplinieren.

Birgit hat schon mal geschrieben. Kleine Gedichte. Hat sogar mal drei Grußkarten kreiert und damit etwas Geld verdient. Zum 30ten Geburtstag, und zwei Nachrufe. Birgit hätte gerne Kinder, irgendwann. Aber davor soll noch so viel passieren. Was genau, dass weiß Birgit nicht, aber da draußen ist noch so, so viel! Und davon will sie alles inhalieren. Und bevor ihr Kopf platzt in dem schönen weißen Blümchenkleid, dass sie da trägt, mit dem schwarzen Blazer darüber, ihren lieblings Ballerinas, duftend nach ausgewähltem, etwas kernig-süßholz dufentendem Perfum, und dieser Frisur, ja, so denkt sich Birgit, muss sie schreiben. Diese Welt. Das Viele. Und all das was noch kommt. Alles erleben und davon erzählen. Und vor allem die Kleinen Dinge.

Birgits Kaffee ist kalt. Der Cursor blinkt. Sie guckt darauf. Riecht eine wohlgestylte Frau an sich vorbei laufen. Was für ein Duft. Und schaut ihr hinterher.

Die Frau raucht. Birgit hatte schon immer ein Faible für rauchende, wunderschöne Frauen. Ach Birgit.

 

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