Absetzen war nach so unendlich erscheinenden Tagen wie heute sowieso noch nie Gertrudes Ding gewesen. Der Chef behindert, die Kollegen langweilig, die Arbeit eintönig und in der sogenannten „Fortbildung“ mal wieder nichts verstanden. Ist wohl eher eine Standbildung. Der Redner hört sich gerne reden. Ja, für Bettgeflüster würde er taugen, die Sau, aber das mit der Bildung kann er sich schenken. Gut und gerne dreizehn Jahre jünger, noch mal 65 Kilogramm leichter und mit leichtem Lispeln steht er in dem unfassbar schicken Konferenzraum und labert über Bilanzierungen, Tabellen, Mitarbeiterführung (es sind nur Mitarbeiter in dem Raum, ihn inkludiert) und Gertrude beginnt sich gemächlich in der Nase zu bohren, so ein Idiot. Alles, was er machen soll ist nackt sein. Sie würde es seinem dürren Körper schon geben, mit genügend Wärme und, ach, da würde er staunen: Ausdauer.

Wer hat sich nur diesem Humbug von wegen Professionalität hier, Leistungsstreben dort ausgedacht? War garantiert auch so ein dürrer Jüngling.

Endlich Abend. Feierabend und Abend. Ein toller Mix. Nach Hause zu gehen klingt verlockend wie Herpes, nach so einem Tag an dem man so schlau ist wie gestern. Also ab in eine Bar, hip und modern, warum auch nicht.
Gertrude kippt den Scheiß runter. Doppelten. Korn. Weil Korn knallt, hat es schon immer, und sie mag ihren schweren Leib eh nicht, also kann sie auf die ganze Lifestyle-Drink-Kacke scheißen. Sie schaut sich um, ach seid ihr alle schön, jaja, das sieht man, und trinken alle diese Drinks, die teurer sind, aber weniger knallen. Was soll das? Gertrude hasst solche Tage. Nachher werden ihre Finger den Jüngling spielen, in ihrem Bett, dabei weiß sie, sie ist sich sicher, sie hätte es ihm besorgen können. Gern auch von Hinten, Gertrude ist da nicht so.

Nach dem Suff bewegt sie sich, schwerfälliger mit Promille, aus dieser verfluchten Bar. Höhepunkt des Tages, wie traurig, denkt sie bei sich.
Auf solche Tage, und sogar Wochen, denn dieser Dreck kann sich ziehen wie Kaugummi, könnte sie wirklich verzichten. Das Ding ist, dass Gertrude sehr wohl bewusst ist, dass das Leben endlich und sie durchaus sterblich ist. Harte Themen, die an ihr abprallen wie Wasser aus der Dusche.

Richtig schön besoffen krallt sie sich ein Taxi, nur noch nach Hause. Am nächsten Tag ist Fortbildung…und da sollte sie zumindest fünf Stunden geschlafen haben. Disziplin ist alles.

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