Es pulsiert in deinem Gesicht, auf deinen sanft eingefallenen Backen, deinen nachgezogenen Augenbrauen, den hochgebogenen Wimpern und deinen schön drapierten Haaren; es pulsiert. Deine Finger machen nichts, nur dein Daumen ist beschäftigt. Und deine Augen werden nicht müde.
Deine Körperhaltung ist seit zehn Minuten unverändert. Ich habe mal in einem Artikel über Probleme beim Einschlafen gelesen, dass die Wahrscheinlichkeit enorm steigt einzuschlafen, wenn man sich mehr als zehn Minuten nicht bewegt. Inzwischen sind es bei dir dreizehn, deine Augen und dein Daumen, die rasen. Könnten sie schwitzen, würden sie es machen.

Du warst Joggen heute, durch den Park, am Fluss entlang, in der Morgensonne, mit Stöpseln im Ohr. Bist gerannt, hast danach geduscht, was auch sonst, und sitzt seither da. Inzwischen siebzehn Minuten. Blinzelst, Daumen, Daumen, Blinzeln.
Nicht mal dein Kopf hat sich bewegt. Es ist ein Phänomen.

Ein Freund meinte jüngst, vieles habe sich verlagert und sein Hirn sei zu langsam, schnellen Verlagerungen aktiv und durchdringend, nachvollziehbar zu folgen. Wie im Krieg, meinte er, keiner könne alles Zerstörte derart schnell verstehen, das brauche Jahrzehnte. Und selbst dann ist wieder neues Erbaut und mit Sicherheit das Ein oder Andere bereits wieder zerstört worden, sei es aufgrund maroder Bausubstanz oder übersehener Restbomben.

Jedenfalls dauert alles wirklich lange. Sehen, eventuell verstehen, verdauen, akzeptieren, ins Weltbild integrieren. Und BÄM. Schon wieder.
Nur ist es hier kein Krieg. Kein BÄM. Eher ein…summmm. Ein unfassbar, eigentlich nicht hörbares Summ.

Weder ist die Geschichte neu, noch unbeschrieben. Keine schleichende Veränderung, aber auch keine ur-plötzliche. Weder saudumm noch überflüssig. Weder zu wenig hinterfragt noch zu selten beschrieben. Trotzdem etwas seltsam verwirrend.

Du sitzt da, so ein hübsches Gesicht, zweiundzwanzig Minuten, dein Gesicht ist hauptsächlich blaugrau. Daumen. Blinzeln. Daumen. Warum zu Hölle sind wir beieinandner?

Das Hirn zu dröge um ein absolut bescheuertes Bild irgendwo hoch zu laden, ein nichts-sagendes Video einer quasi-Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen um dann zu sehen: es wird angeguckt. Werbung. Ah, es wird angeguckt. Werbung.

Der Verstand zu langsam, um den vielen bunten Bildern, draußen, drinnen und jetzt noch zwei werbende Computer mehr, zu folgen, auszusortieren, wichtig-unwichtig-quasiwichtig-keinPlan-lassmichinruhe-ScheißeSoSchlechtIstDasAngebotJaGarNicht… besser war es nie zuvor, nicht das Angebot, sondern das Leben. Und das ist einfach so.

Aber du bist so weit weg. Du bist millarden Lichtjahre entfernt. Und obwohl ich mir alle Mühe gebe, das zu begreifen, was auf dem kleinen Computer mit Kamerafunktion in deiner Hand so viel andersbesser zu sein scheint, als die inzwischen kalt gewordene Tasse Tee um die du batest, erschließt sich mir nicht.
Ich verstehe es einfach nicht.

Ich verstehe so vieles nicht, aber gelegentlich, oder immer öfter, tritt Müdigkeit an die Stelle von Neugier und Interesse.
Eine kleine Welt, die scheinbar mehr zu BladeRunner und Das fünfte Element verkommt. Das waren tolle Filme und die Welten waren enorm.

Aber wenn ich es mir aussuchen kann möchte ich weiterhin so langsam bleiben. Nicht abgeschnitten, nicht getrennt, nicht separiert. Nur langsamer. One thing at a time.

Nach genau dreißig Minuten unbeweglichem Körper, Daumen, Blinzeln, stehe ich auf und gehe. Dann haben wir Streit.

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