Susanne, du Ding du, denkt sich Bernd.
Bernd hat es so was von absolut nicht mit direkter Ansprache. Innerlich, oh ja, au Backe, ist Bernd schlagfertig, ein echter Macho, um keinen Kommentar verlegen. Ein wenig frech sogar, und eine Spur dreist. Das ist Bernd.
Unansehnlich bis zum umkippen wirkt Bernd viel zu klein geraten für die Fülle seines Bauches. Den trägt er vor sich hin, wie die Würstchenverkäufer in ihren roten Pullis am U-Bahnhof Alexanderplatz ihre mobilen Bratwurstbratgeräte, in einer Hand die Zange, die andere schwer manövrierend mal die Geldbörse, mal das Utensil für die Kunden zum Verspeisen der Wurst. Doch schön rund ist der Bauch, rund und straff, dass man beim betrachten des nackten Bauches gern mal wundernd denkt, wie und ob das die Haut alles aushalten kann. Bernds Beine wirken, als wären sie in der Gebärmutter vergessen worden und kurz vor dem Ende der Brutzeit noch mit dran gestöpselt worden: kurz aber äußerst muskulös. Sie müssen schließlich all das Gewicht tragen. Bernd ist nicht kleinwüchsig. Nur klein. Also die Beine. Und vielleicht ein wenig das Hirn. Was eventuell dem Alkohol zulasten fällt. Aber sicher nicht zur Gänze. Mit Bernds Hirn, so mag man meinen, verhält es sich ähnlich wie mit dessen Beinen. Kurz vor dem Ende ist es Mutter Natur in der Hast ihrer vielen Aufgaben fast entgangen, dass unter die Schädeldecke ein Gegengewicht zum gut gedeihenden Bauch gehört.
Wenn sich Bernd bewegt ist das nur wirklich schwer zu überhören. So ein Bernd schnauft mithilfe von Schnappatmung. Nur beim sitzen und trinken, oder essen, wird weniger geschnauft. Laufen ist eine Last für Bernd, Mutter Natur hätte ruhig mal den Schwebezustand erfinden können (Bernds schnippische Rache an Mutter Natur, so schlecht über sie zu denken. Wenn er so einen Gedanken hat flattert immer für den Bruchteil einer Sekunde ein kleines Grinsen über seine schön gleichmäßig hängenden Backen).

Susanne war Bernds Geliebte. Ob sie davon auch selbst wusste sei an dieser Stelle nicht weiter erwähnt, das würde ausarten. Aber nur so viel: Susanne war eine vom Typ her nicht gar so vernachlässigte Erscheinung wie er. Zusammen hatten sie sich im Vollsuff kennen gelernt, grölend auf Lieder von einer, wie beide damals einstimmig befanden, der besten Bands der Welt: die Vierwaldstätter G’sangsherren. Lieder von Robbie Williams (Angels), Roxette (Milk and Toast and Honey) wie auch Abba (Gimme! Gimme! Gimme!) rundeten deren Auftritt ab und zeugten von musikalischer Vielseitigkeit. Dass weder Susanne noch Bernd richtig Englisch konnten (Bernd konnte gar kein Englisch) hörte man unter dem lallenden Gegröle sowieso nicht. Aber sie sangen aus vollen Kehlen zusammen, Arm in Arm, das ungleiche, aber zu diesem Zeitpunkt so unfassbar glückliche Abendpärchen.

Die Wochen, Monate und inzwischen Jahre danach kann Bernd Susanne einfach nicht vergessen. Sie ist, dass hat er an diesem Abend, als er sie zum ersten mal sah, die Liebe seines Lebens. Dass Susanne leider im Suff nicht ganz bei Sinnen ist und auch den monumentalsten Bauch gerne mal übersieht, fiel ihr leider erst drei Vollsüffe später auf, als Bernd schon wieder an ihrer Seite war. Das konnte kein Zufall sein, in einem 3000 Seelendorf. Zumal sich beide davor einfach noch nie gesehen hatten (lebten aber schon über 20 Jahre dort, beide). Vierzehn Anzeigen wegen Belästigung, zwei Unterlassungsklagen und zwölf Einstweilige Verfügungen wegen Stalkings später kann Susanne leider gegen Bernd nichts weiter ausrichten, wenn er mal wieder um 2 Uhr morgens um ihr Haus schleicht und Klingelstreiche macht. Nichts.
Susanne hat bisher nie geöffnet, denkt sich Bernd. Nie. Vielleicht hat sie einen tiefen Schlaf. Susanne, du Ding du, denkt sich Bernd.

 

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