„Irgendwann sitzen wir alle mal in ihr“ sagst du, deine Lippen schmal, der Ton scharf und zynisch. „Und dann frisst sie dich, sie frisst uns alle. Sie hat zwar keine Zähne, aber das macht nichts. Sie schluckt dich an einem Stück.“ Lange warst du unterwegs, so kannten wir dich, so kennen wir dich in letzter Zeit immer weniger. Aus Geldmangel, sei es deswegen, oder weil du von dir selbst über dich selbst lernen willst. Du hast angefangen dich zu verkriechen, Gewicht zu verlieren, exzessiv Sport zu treiben, richtig zu leben. „Neulich saß ich da und war so genervt als mal wieder das tosende Gejaule eines Motorrads durch die Straßenzüge geheult ist. Was soll der Dreck? Ich meine, was soll der Lärm?“ Eigentlich willst du und liebst du es mitten drin zu wohnen. Wenn deine Wohnung sich langsam füllt, bekannte und unbekannte Gesichter sich mischen, und die Küche zu einem Loft wird, bis spät in die Morgenstunden. „Dann war mein Kopf so leer. Scheiße verdammte. Alles tot in mir. Als wär die Power aus. Batterie leer. Was für eine Scheiße. Kein Bock mehr auf dummes Rumgelaber, albernes Fortgehen und schon gar nicht auf Feiern.“ Wir hatten und haben dich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen mit irgendwem. Keine ONS mehr, was mehr als A-Typisch für einen Menschen wie dich ist, noch irgendwelche Rock’n’Roll Attitüden. Du warst die lebende Attitüde.

„Ich wette, es passiert jedem mal. Dann sitzt du da und hörst nichts. Nicht mal ein bescheuertes Motorrad. Nix. Es rauscht leise vor sich hin, das nichts. Kein Fragen. Kein Sagen. Und du sitzt so dermaßen mit dir alleine in einem Raum, dass du weißt, du kannst gar nicht alleine sein. Du bist da. Und das ist so verfickt gruselig. Ich mein: ich fand das echt nicht so schlimm. Aber diese verdammte Stille hat mich fast aufgefressen.“ Alles hattest du ausgeschaltet an dem Abend, alles habe dich genervt, immer mehr, seit Wochen, wie zu einer Bergspitze zulaufend, immer mehr. Bis du schließlich das leiseste Piepsen als unsagbar anstrengend empfunden hattest. „Das war ein Tiefpunkt, scheiße. Echt. Ich habe an allem gezweifelt“ sagst du, und fährst dir mit einer Hand durch deine zerzausten Haare. Lange hat es gedauert finden wir. Alles wurde anders. Und du warst trotzdem noch du.

„Es war schön und scheiße beängstigend. Dasitzen. Nix. Keine Musik. Nur du. Vielleicht ein Buch das schon viel zu lange darauf wartet, weiter seine Geschichte erzählen zu dürfen. Du musst nicht aufs Klo, kein Hunger, einfach nur alles okay. Und die Welt hält endlich die Schnauze. Und sogar: ich. Ehrlich, weißt du wie nervig ich selbst sein kann“ fragst du und guckst mich mit großen Augen an. Aber Antworten erwartest du nicht, du brauchst in letzter Zeit eigentlich nur Zuhörer, die aber auch zuhören und nicht nur socializen. Gnade wem Gott, er zückt ein Handy während ihr zusammen was macht. Igitt. Unschöne Reaktion. Nicht sauer. Aber eben… man will nicht die Person mit dem Handy sein. Unangenehm. Inzwischen ist es sogar angenehm, dass du immer so reagierst. Auch wenn du noch immer nicht weißt, was dich da eigentlich konkret gerade anders macht. Und was genau dieses anders gerade ist. „Das sind beschissen intensive Zeiten. Feiern und ficken, ja leck mich am Arsch, die sind vielleicht einfach. Die ROCKEN. Aber das hier, das rockt echt gar nicht. Ich habe Angst vor nichts. Buchstäblich. Dabei ist ja nicht nichts, wenn man mit sich da ist. Dann hat man immer noch sich. Aber ich raff das immer noch nicht so richtig.“

„Aber so ist sie, die Stille. Einnehmend und erdrückend, je nach dem, wie du gerade bist. Und dann mach mal nichts an. Kein Gedudel. Lass es mal wirken. Manchmal frisst es dich, an einem Stück und manchmal legt es sich um dich, wie ein warmer Schal und ist halt da.“ Keiner hätte uns das beigebracht, mit uns zu sein. Immer hast du gelernt, was fragen, was sagen, wie am besten mit dem anderen Geschlecht umgehen, die Spielregeln verstehen. Und jedes Mal haben alle Lehrer vergessen dir beizubringen wie es ist, du zu sein. Ruhig. Still. Und das sei wunderschön und so sau beängstigend.

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